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„Achtung und Respekt“ – TdO-Spezial

 
Ein Projekt, an dem ich mit einer Vielzahl von Kollegen und Kolleginnen der verschiedenen Kooperationspartner und Mitarbeitenden aus Schule und Jugendarbeit seit Winter 2005 gearbeitet habe: Gerborg Drescher, die Kollegin der Geburtsstunde, damals noch im Referat „Schulseelsorge“ des RPZ Heilsbronn, Peter Plack aus dem Amt für Jugendarbeit der ELKB, Dr. Gaby Rüttiger, die als Kooperationspartnerin durch die Abteilung „Schulpastoral“ des Erzbischöflichen Ordinariates München-Freising, KollegInnen unseres katholischen Partners, des Schulpastoralen Zentrums Schloss Fürstenried, P. Christian Liebenstein, Christina Hösch und Angelika Bauer. Im März 2007 hat dort die zweite Durchführung stattgefunden.

Die Grundidee entstammt dem Projekt „TEO“ aus Mecklenburg-Vorpommern in Bayern. Es faszinierte uns vor allem der schulübergreifende Charakter. Das Thema „Tod auf den Straßen“ fanden wir sehr spezifisch. Im Laufe weiterer Gespräche mit dem Projektteam, entwickelte sich das Thema „Achtung und Respekt“. Wir fanden insbesondere, dass „Respekt“ eine sehr bedeutsame Haltung und für das schulart-, system- und konfessionsübergreifende Arbeiten darstellt.
 

Charakteristika

Schulartübergreifend

Unser dreigliedriges Schulsystem bewirkt, dass sich Schülerinnen und Schüler, die bis zur 4. Jahrgangsstufe noch in einem Klassenverband zusammen waren, sich dann aus den Augen verlieren, weil sie in die verschiedenen Schultypen aufgeteilt werden. Dieser Prozess der Separation ist mit Aufwertung und Abwertung, Einteilung in Besser und Schlechter verbunden, mit Erfolgs- und Leistungsdruck, Gefühlen von Versagen und Minderwertigkeit. Die Lebenswirklichkeiten trennen sich. Es besteht kein gegenseitiger Einblick mehr in die Welten zwischen Gymnasiasten, Haupt- Real- und Förderschülern.

Eine kleine Anekdote, die ich letzte Woche in einer 1. Klasse einer Schule am „Lago di Bonzo“ (Tegernsee) erlebt habe, wo ich seit September neu unterrichte. Ich wurde Zeugin eines Gespräches zweier Schüler ganz vorne in der ersten Bank mit sinngemäßem Wortlaut: „Also, angenommen ich schaffe es nach 4. Klasse ins Gymnasium und Du nicht, dann können wir nicht mehr zusammen in einer Klasse sein, weil dann gehe ich da hin und du gehst woanders hin.

Tja, wo nun der andere dann hingeht, das was dem Gymnasiasten in spe auch nicht ganz klar bzw. es würde ihm fremd sein. Das Nicht-Wissen über die anderen erzeugt Fremdheit. Fremdheit führt zu ganz spekulativen und subjektiven Vorstellungen über die Welt der anderen, über ihre Meinungen, über ihre Einstellungen uns gegenüber. Es entstehen Vorurteile.

Die Befürchtungen wurden bei TDO-Spezial benannt:

  • Hauptschüler gaben an zu befürchten, dass die Gymnasiasten alles besser wissen und ihre Nase ständig in Bücher stecken.“ –
  • „Gymnasiasten gaben an zu befürchten, die Hauptschüler könnten mit ihnen zu schlägern anfangen.“

Wir wissen:
Begegnungen können es schaffen Vorurteile abzubauen, so dass wir die Möglichkeit bekommen, den anderen so zu sehen, wie er/sie wirklich ist.
 

Konfessionsübergreifend

Was soll ich dazu sagen? Mir fällt dazu immer nur der unverständige Blick der Erstklässler ein, wenn ich (nun als Religionslehrerin) in ihr Klassenzimmer komme, um sie aus ihrem Klassenverband abzuführen, zu mir ins evangelische „Kammerl“ wo die ganzen alten Tische und Stühle stehen...

Oder vor einigen Jahren der Anruf einer Mutter einer Erstklasslerin, die mich allen Ernstes fragte warum mein Religionsunterricht „so wenig evangelisch“ wäre.

Konfessionsübergreifend zu arbeiten heißt: über Gräben zueinander finden. Die Gemeinsamkeiten leben. Genau das ist bei TDO-Spezial passiert. Das Organisationsteam bestand aus mir und den Kolleginnen aus Fürstenried, egal wo die Veranstaltung stattfinden sollte. Es war durch und durch ökumenische Kooperation.
     

Systemübergreifend       

Beide Systeme, Schule wie Jugendarbeit, arbeiten mit der gleichen Zielgruppe, den Jugendlichen, aber mit anderen Vorzeichen.

  • Schule: leistungsorientiert.
  • Jugendarbeit: prozessorientiert.

Das ist was uns trennt. Und natürlich auch, dass beide Systeme wenig vom anderen Wissen, - so wie die Hauptschüler wenig über die Gymnasiasten wissen.

Außer dass wir (Jugendarbeit) aus unserer eigenen Schulzeit wissen, wie schrecklich so manche Schule und manche Lehrkräfte für uns waren und dass wir froh sind, dass wir dort nicht arbeiten müssen.

Außer dass wir (Lehrkräfte) aus unserer eigenen Jugendzeit wissen, dass die Leute in der Jugendarbeit einen echt coolen Job haben und laute nette Spielchen mit uns unternommen haben und sie bei den Schülern auf jeden Fall beliebter sind.
 

Motivation für das Projekt „TdO-Spezial“

  • Der Entmischung des gegenwärtigen Schulsystems entgegen zu wirken.
  • Begegnungen ermöglichen, die Ängste und Vorurteile abbauen.
  • Erfahrung ermöglichen, respektiert und geachtet zu werden.

Diese sehr unterschiedlichen Sichtweisen sind Motivation genug dagegen anzugehen. Es macht Sinn Begegnungen zu schaffen. …

Wenn sich unterschiedliche Welten begegnen ist eine respektvolle Haltung eine wichtige Komponente. Genauso wie Offenheit. Ich bin gewahr, dass mir etwas entgegen kommt, das anders ist als ich, mir fremd vor kommt. Aber ich bin bereit das Fremde kennen zu lernen.

Das ist der erste Schritt.

Aber noch viel wichtiger ist, dass dieses Projekt eine Erfahrung ermöglichen soll, wo ich selbst spüre, wie es sich anfühlt respektiert und geachtet zu sein. Denn wer das in sein Erfahrungsrepertoire aufnehmen konnte, wird immer wieder danach streben dieses Gefühl zu reproduzieren. Überall!    

  • Konkretisierung
  • Bereitschaft zur gemeinsamen Leitung zwischen Lehrkräften und Mitarbeitenden aus der Jugendarbeit
  • Gemeinsame Fortbildung des Gesamtteams
  • Kooperation der Ökumene

Um das zu ermöglichen braucht es die grundsätzliche Bereitschaft, dass sich Lehrkräfte und Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter an einen Tisch setzen, gemeinsam ein Programm ausarbeiten, um dann eine Gruppe von ca. 15 Schülerinnen und Schülern während der gesamten Zeit gemeinsam zu leiten. 

Um dahin zu kommen, gibt es eine Fortbildung, die etwa 2 Wochen vorher statt findet, von Freitagnachmittag bis Samstagnachmittag. Das Team aus den verschiedenen Systemen und Schularten muss, wie die Schülerinnen und Schüler auch, erst einmal selbst den Prozess aufeinander zu machen und miteinander zur respektvollen Erfahrungen finden. 

Die ökumenischen Partner finden sich schon vorher zusammen, um das Ganze zu planen.

  • Ein Projekt zum Wachsen
  • Für Schülerinnen und Schüler verschiedener Schularten
  • Für Lehrkräfte verschiedener Schularten
  • Für Mitarbeitende der Jugendarbeit

Otto Herz spricht von Schule als einen „Ort zum Wachsen“. Ich würde ihn gerne noch weiter ausdehnen: „Schule braucht Projekte, die ihr beim Wachsen helfen... und Jugendarbeit auch!“.

Ich denke, wir sind ALLE daran gewachsen.

Die Hauptschulklasse der Brennpunktschule Neuperlach hat in der letzten Schulwoche ein Grillfest in Neuperlach veranstaltet und die Gymnasiasten aus der Vorzeigeschule des Holbein-Gymnasiums aus Augsburg und die Realschüler aus Miesbach eingeladen.

Die Realschüler haben festgestellt: Wir brauchen dringend eine intensivere Arbeit mit unserer Klasse. In unserem System brennt es.

Die Leiterinnen und Leiter aus den verschiedenen Systemen: Was sind wir abends und in den Pausen zusammen gesessen und haben nach Lösungen für manche Verstrickungen zwischen den Schülern und Schülerinnen und auch in den Schulen gesucht.
 

Der ganze Aufwand

  • Suchen und Finden von Interessierten …
  • Gruppenschlüssel zur Entmischung
  • Zeitplan
  • Organisation

Nein, zugegeben: Es war nicht leicht Schulen und Klassen zu finden. Es war viel Informationsvermittlung nötig. Über Mundpropaganda und persönliche Kontakte ging viel. Es bringt nur etwas mit Leuten zusammen zu arbeiten, die auch überzeugt sind.

Die Details sind zu anfangs aufwendig. Beim dritten Mal lief es dann.

  • Lohnt sich das wirklich ?
  • Ich muss wissen wie sich mein Ergebnis anfühlen soll!
  • Nur dann kann ich wahrnehmen, ob es sich um realistische Ziele handelt bzw. ob sie erreicht wurden.

Ich hab es ja doch ein paar Mal zu hören bekommen: Das ist doch sehr aufwendig … unrealistisch … warum machst Du das?

D. h. es müssen – sollten positive Erfahrungen mit Schule in meinem eigenen Gefühlsrepertoire vorhanden sein!

Und ich muss natürlich eine „realistische Vorstellung“ davon haben, was wir – schulbezogene Jugendarbeit – in dieser Hinsicht leisten können und wollen!!!!

Für mich liegt die Wurzel für diese Vision ganz klar auf der Hand, – bzw. sie liegt natürlich in meiner eigenen Schulzeit begründet. Das möchte ich hier einmal ganz deutlich sagen.

Es war ein Schulzentrum. Realschule und Gymnasium waren in einem Haus beieinander. Laurentius Schulzentrum des Diakoniewerkes Neuendettelsau.

Ganz konkret: es gab einen gemeinsamen täglichen Schulweg mit Zugfahrt, gemeinsame Schulgottesdienste, gemeinsame SMV, gemeinsame Gestaltung eines Pausenhofes, gemeinsame Schulfeste.

Die Hauptschüler? Die waren woanders. Im gleichen Ort, am anderen Ende. Die waren uns Realschülern und Gymnasiasten suspekt... Übrigens ist ein ehemaliger Rektor dieser Hauptschule heute Pädagogischer Direktor im Landeskirchenamt: Eckhard Landsberger

Ich habe erfahren, dass es sich gut anfühlen kann im Schulsystem als Schülerin respektiert zu werden. Ich weiß, dass so etwas möglich ist.
 

Das Rezept

Man nehme

  • Eine große Portion guter Erfahrung.
  • Ein Quäntchen Blauäugigkeit, um über Unwägbarkeiten hinwegsehen zu können.
  • Ein ganzes Quantum Glauben an den Erfolg!

 

Brigitte Bürkel