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Brigitte Bürkel

Respekt – ein Bildungsgut?

„In the Name of Respect“
Tage der Orientierung – Special / – Training zu Achtung und Toleranz

Ein Modellprojekt schulbezogener Jugendarbeit in Bayern

Als Referentin der schulbezogenen Jugendarbeit in Bayern und als Religionspädagogin an verschiedenen Schulen (mit jeweils einem halben Dienstauftrag) gestalte ich zwei sehr verschiedene Institutionen mit. Schule und Jugendarbeit. Sie arbeiten zwar mit unterschiedlichen pädagogischen Ansätzen, haben aber dennoch elementare Gemeinsamkeiten. Beide arbeiten mit ein und derselben Zielgruppe: Jugendliche/Schüler/innen. Sehr weit gefasst, könnte ein gemeinsames pädagogisches Ziel formuliert werden: Junge Menschen auf dem Weg zur Mündigkeit zu begleiten und sie auf ihrem Weg dorthin zu fördern und zu unterstützen. In beiden Institutionen geht es um die Vermittlung von elementaren Werten. Beide Institutionen haben in der heutigen Zeit unter den gleichen Problemen zu leiden, die sich massiv auf die Möglichkeiten ihres Handelns auswirken: Werteverlust innerhalb der Gesellschaft und finanzieller Mangel. Nun wir allerorts die etwas provokant anmutende Frage gestellt: Hat die Staatsregierung keinen Respekt vor der schulischen Bildung und vor der Jugendbildung, dass Mittel so drastisch gekürzt werden, obwohl doch jeder weiß, dass Jugendliche und Kinder die Zukunft unserer Gesellschaft darstellen? Weiter könnte gefragt werden: „Wem gebührt nach den Kriterien der Geldmittelverteilung der meiste Respekt? Wer/was/welcher Wert steht in unserer Gesellschaft an erster Stelle?
 

Wie hoch wiegt der Wert von „Respekt“ in unserer Gesellschaft wirklich?

Mein halber Dienstauftrag als Lehrkraft motivierte mich dazu, den Wertekanon unseres Bildungssystems nach dem Auftauchen von Respekt zu untersuchen. Tatsächlich konnte ich mich nicht erinnern, bisher auf den Begriff im Lehrplan gestoßen zu sein. Deshalb stellte ich mir die Frage „Ist Respekt ein Bildungsgut?“ Diese Frage mutet zwar naiv an, aber ich musste ganz reell feststellen: Im Curriculum wird der Begriff Respekt nicht genannt! Das heißt nicht, dass er nicht vor kommt. Der Begriff Respekt wird mit vielfältigen Ausführungen umschrieben. Der Curriculum mit dem Kinder während ihrer institutionellen Bildung in Berührung kommen postuliert unter dem Punkt Wertorientierung: „Anbahnung von freiheitlich-demokratischen, religiösen, sittlichen und sozialen Werthaltungen; Christliches Menschenbild als Grundlage für Wertorientierung; Befähigung zu Aufgeschlossenheit und Toleranz gegenüber anderen Wertvorstellungen; Lernen das Handeln an der Verantworetung gegenüber Gott, sich selbst und der Mitwelt auszurichten.“ (Lehrplan für die Grundschule, S. 14)

Unter fächerübergreifende Bildungs- und Erziehungsaufgaben werden unter dem Punkt „Soziales Lernen und grundlegende politische Bildung“ folgende Werte genannt: „soziales Lernen, Toleranz, Rücksichtnahme, Verantwortungsbereitschaft, Bereitschaft Konflikte friedlich zu lösen oder auszuhalten, Achtung vor dem Anderen“. (Lehrplan für die Grundschule, S. 17)

Selbst in den Fächern Religion und Ethik erscheint der Begriff Respekt nicht. Es wird geschrieben von: „sich mit ihren eigenen sowie mit den Sinn- und Wertfragen der Mitschüler auseinander zu setzen und im gegenseitigen Austausch von- und miteinander zu lernen; anderen Menschen achtsam zu begegnen.“ Allein der Curriculum für das Fach Katholische Religion benutzt das Verb und fordert auf „Menschen anderer Konfessionen, Religionen und Lebensdeutungen, anderer Nationen und Kultruren mit Achtung zu begegnen und deren Überzeugungen zu respektieren.“ (Lehrplan für die Grundschule, S. 18)

Auch in der Bezugnahme auf die Haltung der Lehrerpersönlichkeit wird der Begriff „Respekt“ ausgespart. Statt dessen heißt es: „Die Arbeit des Lehrers erfordert neben fachlicher und didaktischer Kompetenz, die Fähigkeit zu differenzierter Beobachtung und Analyse der Entwicklung des einzelnen Schülers. Engagement für die Schüler, soziale Aufgeschlossenheit und eine unterstützende Grundeinstellung drücken sich auch in einem von Geduld und Gelassenheit getragenen Umgang mit den Schülern aus. Unterrichts- und Erziehungserfolg werden mitbestimmt von der Vorbildwirkung und der Führungskompetenz des Lehrers.“ (Lehrplan für die Grundschule, S. 8)

Ebenso nennt der Curriculum der Hauptschule den Begriff Respekt unter dem Punkt Lehrer als Erzieher nicht explizit. „Die Lehrer haben das Ziel vor Augen, die Schüler zu mündigen Bürgern zu erziehen, die von sittlicher Mitverantwortung sich, dem anderen und der Gesellschaft gegenüber geprägt sind, selbstständig, rücksichtsvoll und hilfsbereit handeln, Initiative entwickeln und zur Mitgestaltung des Zusammenlebens bereit und fähig sind.“ (Lehrplan für die Hauptschule, S. 17f)

Im Curriculum der Realschule kommt der Begriff ebenfalls nicht vor. „Der Unterricht an der Realschule soll stets geprägt sein von gegenseitiger Achtung und von Vertrauen in die Leistungsfähigkeit und –bereitschaft der Schüler.“ (Lehrplan für die Realschule, S. 12)

Allein der Curriculum nimmt in der Beschreibung von Profil und Anspruch des bayerischen Gymnasiums Bezug auf den Wert von Respekt. Unter dem Punkt „Verantwortung“ wird als Lernzielbestimmung für die Schüler/innen auf die Bedeutung von „ Achtung, ... Respekt und die Rücksichtnahme“ als angemessene Verhaltensweise gegenüber ihren Mitmenschen hingewiesen. (Lehrplan für das Gymnasium)

Insgesamt jedoch wollen viele Beschreibungen vermitteln, was explizit kaum genannt wird: Respekt. Die Umschreibungen sind sehr treffend und detailliert. Warum aber wird er als Bildungsgut kaum offen benannt, wo doch ein respektvolles Verhalten von jedermann/jederfrau/jedemkind erwartet wird? Wie kann etwas erwartet werden, das während der gesamten institutionellen Bildungsdauer scheinbar nicht ausreichend genannt wird. Stattdessen stehen heute Erzieher und Pädagogen fassungslos da und stellen fest: „Die haben keinen Respekt mehr!“ Gemeint sind Schüler/innen und auch Eltern.
 

Standard von Respekt in der Lehrerschaft

Und wie steht es um Respekt als Bildungsgut innerhalb der Ausbildung des Lehrpersonals? Wird Respekt dort benannt und gefördert? Wird dem Respekt von Lehrer/innen gegenüber Schüler/innen ausreichend Rechnung getragen? Wenn Lehrkräfte nicht die entsprechenden Bedingungen zur Verfügung stehen, um einen respektvollen Umgang zu pflegen, werden sie an diesem Anspruch versagen, so wie jeder andere Mensch auch. Von Menschen, die in einer Schulwirklichkeit stehen, die von zu große Klassen, Verrohung, erhöhten Geräuschpegeln, keinen wirklichen Pausen zum Durchatmen, von Dauerstress geplagten Kollegen und Schulleitern arbeiten müssen, kann keine ruhende, ausdauernd-verständnisvolle respektvolle Haltung erwartet werden. Ein menschlicher Organismus bedarf eines gleichmäßigen Atems, um in Ruhe sein zu können. Unter den genannten Bedingungen, die nicht dramatisiert sind, ist das nicht möglich.

Zwar wird in den Medien offen über die dramatische Situation in der Lehrerschaft geschrieben. Vor Ort aber, in den Lehrerzimmern wird weiter geackert und sich wegen der Gesamtsituation die Haare gerauft. Wie es aber um die Überforderung der einzelne Lehrkraft steht, darüber wird nicht gesprochen. Die eigene Überforderung anzusprechen gilt nicht als professionell, obwohl es so sein müsste. Nur ich als Lehrkraft kann darüber befinden, ob die Bedingungen unter die ich gestellt bin, so passend sind, dass ich einen Unterricht erteilen kann, wie es der Curriculum gebietet. Weder die Schulleitung, noch das Schulamt oder sonst wer hat wirklich Einblick in das Geschehen im Klassenraum und kann sich „behütend“ um mein Befinden kümmern. Wenn ich als Lehrkraft ein realistisches und positives Gefühl von dem habe, was ein gelingender Unterricht gemäß des Curriculum bedeutet, ist es meine Pflicht, die Bedingungen anzumahnen, wenn sie nicht gegeben sind. In Verantwortung vor den Schüler/innen, die ein Recht auf dieses Bildungsgut haben und in der Verantwortung vor mit selbst als Lehrperson im Dienst des Staates. Im Gegenzug sollte die Staatsregierung als Arbeitgeberin ihrer Fürsorgepflicht gegenüber den Lehrkräften durch ein wohlwollendes Angebot von berufsbegleitender Supervision, die zur Professionalität jedes pädagogisch arbeitenden Menschen gehören sollte, nachkommen. Leider ist diese Perspektive nicht ausreichend im Blick und die persönliche Angst, sich eine Blöße zu geben, wiegt höher. In der momentanen Situation des Mangels erfordert es eine große Portion Selbstbewusstsein, sich für die Ziele des Curriculums und für die eigene Lehrergesundheit einzusetzen. Womöglich sind diese Ziele schon zu Idealen geworden, sollten sie doch selbstverständlich sein.
 

Respekt im Wandel der Generationen / Respekt als Zeitgeist

Momentan jedoch ist Respekt in aller Munde. In den Tageszeitungen wird immer wieder von Respekt-Trainings und Projekttagen zu dem Thema an Schulen berichtet. Die neueste Ausgabe von „Psychologie – heute“ hat es auf der Titelseite. Der Leitartikel beschreibt Respekt als „Selbstachtung: Anerkennung, die uns unabhängig macht.“ (Psychologie-heute, S. 20ff)

Warum aber hat es so lange gedauert, bis es wieder in den Blickpunkt geriet? Diese Frage beinhaltet, dass Respekt in früherer Zeit durchaus eine bedeutende Rolle zukam. Hatte Respekt seither den Geruch eines überkommenen, veralteten Wertes erhalten?

Die Eltern meiner Generation bezeichneten Lehrkräfte als Respektspersonen. Ein bedeutender Soziologe unserer Zeit, Richard Sennett beschreibt Respekt so: „Einer Person mit einem Status, einer hohen Stellung innerhalb der sozialen Hierarchie welche die Gesellschaft vorgibt, gebührt Respekt.“ (Sennett, S. 72) Zur Zeit unserer Eltern wurde Respekt als Haltung der Schüler/innen gegenüber Lehrkräften erwartet. Im konkreten Verhalten sollte sich dies z. B. im täglichen Gruß mit Nennung des Namens und im Aufhalten von Türen ausdrücken. Was aber wird heute damit verbunden?

In der heutigen Zeit, kann von einer „Ent-Trohnung“ der Lehrerschaft gesprochen werden, von einem Ansehensverlust. Lehrkräfte sind heute in die Situation gestellt, Respekt von den Schüler/innen einzufordern und anzumahnen. „Respekt kann nicht mehr selbstverständlich erwartet werden“, ist mancherorts zu hören. Deshalb führen manche Schulen Knigge-Kurse ein und es gibt einen Verhaltenskatalog, der u. a. fordert: „Lehrkräfte sind zu grüßen und die Tür ist nachfolgenden oder entgegen kommenden Personen aufzuhalten.“ Dies jedoch erscheint manchen Eltern (nicht Schüler/innen) als ein Relikt einer überholten Zeit. Hier würden Verhaltensnormen eingefordert, deren Hintergründe nebulös erscheinen. Mit Recht ist nach dem tieferen Sinn von Verhaltensregeln zu fragen. Bei den Eltern haben wir es mit „Kindern“ der Generation zu tun, nach der intellektuelle Revolution. Mit Recht stellte die 68er-Bewegung, als Nachkommen einer Generation, die sich in der NS-Zeit scheinbar weitgehend blindlings auf vorgegebene Werte verlassen hatte, die zur Machterhaltung eines menschenvernichtenden Regimes beitrugen, vieles in Frage. „Blinde Autoritätsgläubigkeit – Nein danke!“ So könnte man die Haltung beschreiben, die davor warnte sich von Menschen, die den Ton angeben, verführen zu lassen. Ab sofort mussten sich Autoritätspersonen auf ihre Authentizität hinterfragen lassen. Ist das der Grund für das Fehlen der Begrifflichkeit Respekt im Curriculum? Steckt dahinter die Befürchtung autoritär zu erscheinen, wenn Respekt als Wert vermittelt werden soll? Wird Respekt mit Autoritätshörigkeit verbunden? Wären solche Befürchtungen nicht Auswüchse einer antiautoritären Erziehungsbewegung?

Mit Recht muss sich eine Autoritätsperson an dem Anspruch messen lassen, ob sie oder er den ihr anvertrauten jungen Menschen Respekt entgegen bringt. „Dieser Respekt drückt sich u. a. in der Wahrnehmung und Achtung deren Bedürfnisse aus.“ (Sennett, S. 68) Sennett bezeichnet Respekt als das, wie es in den Curricularen umschrieben wird. Respekt ist im also Curricular gefordert, aber nicht benannt. Warum jedoch nicht? Respekt schließt eine Haltung mit ein, die das ganze Handeln und Denken durchdringt und jegliche Abwertung in Form von Taten und Worten ausschließt. Ein hoher Anspruch und ein hoher erstrebenswerter Wert, der auf eine positive Erfahrungen, aber auch auf Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme basiert. Ist das vielleicht der Grund, warum der Begriff Respekt in unseren Curricularen nicht vorkommt? Handelt es sich bei Respekt womöglich um mehr, als das im Curricular Beschriebene, so dass institutionelle Bildungseinrichtungen diesem Anspruch gar nicht gerecht werden können? Bei Einfühlungsvermögen und Perspektivenübernahme handelt es sich um Fähigkeiten, die in einem frühen Stadium der Entwicklung durch die Erfahrung von Grundvertrauen und Modelllernen angelegt werden, aber erst im Grundschulalter und später vertieft angewandt und zur Geltung kommen (Ameln nach Moreno, S. 220) Das gezielte pädagogische trainieren dieser Fähigkeiten führt Menschen zu sichtlichen Erfolgen in sozialer Kompetenz.

Die Psychodramatikerin Friedel Geißler berichtet von der erstaunlichen Wirkung des Perspektivenwechsels während eines Seminars, das in ihrer Heimatstadt Solingen durchgeführt wurde. Zwei Wochen nach dem Brandanschlag 1993, bei dem ein rechtsradikal motivierter fünffacher Mord an Ausländern geschah. Sie beschreibt wie die Teilnehmer durch den Rollentausch mit den Gewalttätern von Solingen die eigenen Anteile von Gewalt erspürten, was den Blick für ganz neue Umgangsmöglichkeiten eröffnete. „Erst im Rollentausch mit dem „Skin“ in uns selber können wir auch auf kreative Angebote für diese Leute kommen.“ (Geisler, S. 17)

Die Haltung von Respekt kann trainiert werden. Aber es braucht Zeit, um kognitive Erkenntnisse auch in Handlung umsetzen zu können. Bedeutet dies, dass Respekt deswegen kein schulisches Bildungsgut sein kann, weil es sich bei Respekt um eine Haltung handelt. Eine Haltung schließt die körperliche Dimension ein. Innerhalb eines Unterrichtes fällt es tatsächlich schwer die körperliche Dimension mit einzubeziehen. Nur sehr punktuell ist es möglich Rollenspiele oder Skulpturen mit einzubauen. Bei großen Klassen kaum denkbar. Hat ein/e Schüler/in nicht schon in früherer Zeit die Haltung von Respekt bei anderen Menschen als Modell kennen gelernt, wird diese Aufgabe an die Schule weiter gegeben, die damit an ihre Grenzen stößt.
 

Was ist Respekt?

ES ist mehr als Wertschätzung. ES ist Achtung vor der Grenze und der Würde des anderen. ES ist das tiefe Bewusstsein, dass der andere mit Würde ausgestattet ist, die es zu achten gilt. ES drückt sich in einer Haltung der Unantastbarkeit jeglichen Individuums aus, die Grenzen des anderen wahrt sowie der eigenen.

Aus theologischer Sicht würde ich Respekt als das Bewusstsein beschreiben, dass jeder Mensch, der mir entgegen kommt, ein Ebenbild Gottes ist. D. h. jeder Mensch, der mir entgegen kommt, ist von Gott gewollt und mit guten Gaben ausgestattet, aber auch mit Schwächen. Ich lasse seine/ihre Schwächen, ihr/sein Leid, seine/ihre Ohnmacht zu, biete Hilfe an ohne verändern zu wollen, sondern suche zu begleiten und Spannungen auszuhalten. Denn darin bin ich ihm/ihr gleich und das verbindet mich mit ihr/ihm. Ich sehe seine/ihre Unzulänglichkeiten, die mir Schwierigkeiten bereiten, aber ich weiß auch um ihre/seinen guten Kern, weil ich den meinen kenne. Aus diesem Grunde komme ich ihm/ihr mit Respekt entgegen, in dem Bewusstsein gemeinsam auf dem Weg zu sein, auch wenn sich der Weg des Gegenübers anders gestaltet als meiner. D. h. ich wahre dessen/deren Grenzen, so wie ich auf die Wahrung meiner eigenen Grenzen bedacht bin. Der zweite Teil des Satzes drückt den Respekt vor mir selbst aus und weißt auf das Doppelgebot der Liebe hin, wie es Jesus fordert: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Bibel, Evangelium des Matthäus, Kapitel 22, Verse 39 )

Dieser Gedanke erscheint mir auf dem Weg des Erspürens von Respekt sehr zentral: Es handelt sich um die „Fähigkeit zur Unvollkommenheit“. Die Fähigkeit das eigene Leben mit seinen fragmentarischen Anteilen auszuhalten. Dazu gehört der Umgang und die Annahme von Leid, Krankheit, Tod und Sterben. In unserer Gesellschaft, in der vielerorts mehr der Schein als die Wirklichkeit gilt, in der Jugend und vollkommene Schönheit und Leistung im Vordergrund stehen, wo Sterben in Heime verlagert wird und Krankheit als unattraktiv und unproduktiv gilt, haben junge Menschen kaum noch die Chance mit dem reellen Leben in seiner ganzen Tiefe in Berührung zu kommen. Denn auch wenn es unangenehm ist, geschieht die Entwicklung zu einem gereiften Menschen erst durch die tiefen, wenn auch schmerzvollen Erfahrungen. Dazu zählen Krankheit, Scheitern und Berührung mit dem Tod.

Respekt beruht also auf die Erfahrung mit meinem ganzen Wesen, meinen Bedürfnissen erkannt und geachtet zu sein. Was bedeutet dies nun im Bezug auf das Erleben der Schüler/innen innerhalb des Systems Schule, das immer mehr zu ihrer Lebenswelt wird.
 

Respekt und Schule

Wenn ich mich als Individuum mit meinen Bedürfnissen von einer Autoritätspersonen ernst genommen fühle, kann ich mit einem respektierenden Verhalten ihr/ihm gegenüber antworten. Schüler/innen, die sich durch das System Schule unterdrückt fühlen, werden die Ursache dafür auf die Lehrkräfte projizieren, was ein respektvolles Verhalten erschwert.

Das jedoch ist die Schwierigkeit im Kontext von Schule. Schüler/innen haben viele Bedürfnisse. Bedürfnis nach Bewegung, Bedürfnis nach Individualität, Bedürfnis, ernst genommen zu werden, Bedürfnis nach Meinungsfreiheit.

Zwar sollen Schüler/innen erst zu mündigen Bürgern gebildet werden. Dies soll mit Hilfe von angemessenen pädagogisch-didaktischen Überlegungen und Entscheidungen geschehen, die sich an den kognitiven und emotionalen Möglichkeiten der Zielgruppe orientiert. Die Lernumgebung in Schule lässt es jedoch kaum zu, dass diesem Ziel Rechnung getragen werden kann. Große Klassen, beengte Räume, wenig Etat für Kreativmaterial, zu wenig Personal, zu viel Lernstoff in begrenzter Unterrichtszeit, kaum Explorationsmöglichkeiten für Jugendliche, um sich Inhalte selbst zu erschließen, massive Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und des Aktionsradius.

Wie sollen sich Schüler/innen unter solchen Lernbedingungen als Individuum geachtet und respektiert fühlen. Etliche Berichte von Schüler/innen, die bedingt durch einen Umzug die Schule wechseln mussten, erzählen von gravierenden Unterschieden hinsichtlich der Lernumgebung von Schulen, die sich stark auf deren Leistungen auswirkten. Konnten Schüler/innen von einer Schule mit über 1.000 Schüler/innen in eine kleine Schule wechseln, war es möglich vom unteren Leistungsniveau an die Klassenspitze zu gelangen. Die Begründung seitens des Schülers lautete: „Ich war keine Nummer mehr. An der neuen Schule konnte ich zum Zug kommen.“ Das zeigt: Kleinere Schulen ermöglichen, dass der einzelne in seinem Potential viel mehr wahrgenommen werden kann. Das zeigt aber auch, dass es in Schule grundsätzlich möglich ist, mehr auf die Schüler/innen einzugehen. Die Beliebtheit von privaten Schulträgern spricht hierzu Bände. Hat ein Mensch erfahren, dass ihm respektvoll entgegengekommen wird, bildet sich eine innere Sensibilität für Situationen, wo diese Haltung nicht vorhanden ist. Im Idealfall wird er oder sie die respektvolle Erfahrung für so achtenswert halten, dass sich dieser Mensch für die Verbreitung von Respekt einsetzen wird. Es setzt beinahe automatisch das Prinzip der goldenen Regel ein: Tue auch anderen das, was du für dich selbst als wünschenswert erachtest und was dir Wohlbefinden verschafft. (Bibel, Evangelium des Matthäus, Kapitel 22, Verse 37-39)
 

TDO-Special / In the Name of Respect – Ein Erfahrungsangebot zur Vertiefung respektvollen Umgangs

Die Tage der Orientierung – Special setzen genau an diesem Punkt an. Sie bieten die Bedingungen und Möglichkeiten an, so dass Respekt erfahren werden kann.
 

Respekt durch eine überschaubare Arbeitsgruppe

Die Jugendlichen arbeiten in Gruppen, die die Zahl von 15 nicht übersteigen. Zudem wird jede Gruppe von zwei Leuten geleitet. Dies gewährleistet, dass jeder einzelne besser wahrgenommen werden kann.
 

Respekt gegenüber Schüler/innen anderer Schularten

Die Gruppe der Jugendlichen setzt sich aus Schüler/innen von fünf Klassen zusammen, die sowohl aus Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien stammen. Diese Zusammensetzung birgt eine Struktur der Hierarchie in sich, die mit Ab- bzw. Aufwertung, mit einem Gefälle verbunden ist. Es ist Aufgabe der Gruppenleitung die dadurch entstehenden Ängste und Befürchtungen wahrzunehmen und inhaltlich aufzugreifen, um die Bedingungen eines respektvollen Umgangs gemeinsam zu gestalten. Die Schüler/innen sind gefordert ihre Befürchtungen hinsichtlich Respektlosigkeit und gleichermaßen die Bedürfnisse hinsichtlich Respekt auszusprechen.
 

Respekt durch gegebene Zeit für Empathie

Während eines zweitätigen Programmes bekommen die Schüler/innen ausreichend Zeit und Möglichkeit Erfahrungen von Respekt zu sammeln. Dabei sind die Gruppenleiterinnen gefordert, den Schüler/innen mit Hilfe von geeigneten interaktiven Methoden ein vielfältiges Erfahrungsangebot anzubieten, mit ausreichend Zeit zur Auswertung und zur Reflexion. Insbesondere die Methode des Rollentausches leistet hierfür enorme Dienste. Begebe ich mich in die Rolle eines anderen, womöglich abgelehnten Menschen, erlebe ich dort meine eigenen Gefühle des Abgelehntseins. In der Rolle eines Fremden kann ich sie eher zulassen. Das gilt auch für gewünschte Verhaltensweisen, wie Achtung, Mut und Respekt. ( Geisler, S. 16)
 

Respekt zwischen Schule und Jugendarbeit

Hinzu kommt, dass sich das Team der Gruppenleitung aus den zwei verschiedenen Systemen, Schule und Jugendarbeit, zusammen setzt, die in einer Spannung zueinander stehen. Schaffen es die Lehrkraft und der/die Jugendarbeiter/in sich gegenseitig in ihrer Unterschiedlichkeit zu akzeptieren und die jeweiligen Spezifika ihrer Berufe zu würdigen und sich darin zu ergänzen, werden sie ein Modell an respektvollen Umgangs für die Schüler/innen sein. (Szyrba, S. 19)

Respekt gegenüber sich selbst

Ist all dies gelungen, haben die Beteiligten gelernt, dass sich ihr anfänglicher Einsatz für ihr eigenes Bedürfnis nach respektvollen Umgang ihnen selbst gegenüber gelohnt hat. Die positive Erfahrung eines sich lohnenden Engagement für die eigenen Bedürfnisse wird immer wieder Antrieb für einen weiteren Einsatz sein und ist Ausdruck der Haltung eines Menschen, der sich selbst achtet. Dies stellt ein gesundes Fundament gegen autoaggressives Verhalten dar, das dann einsetzt, wenn Menschen ihre eigenen Bedürfnisse gegenüber den der anderen hinten anstellen und unterdrücken.
 

Respekt weiter tragen – Die goldene Regel

Sie haben auch gelernt, wie gut es tut, respektiert zu werden. Auf diesem Hintergrund werden sie diese Erfahrung auch anderen Menschen mit einer entsprechenden Haltung und Einstellung ermöglichen wollen, so dass sich Respekt in ihrem Umfeld ausbreiten und verankern kann. Ein derartiger Erfahrungshintergrund stärkt das Einfühlungsvermögen und trägt zur Perspektivenübernahme bei. Menschen, bei denen diese Fähigkeiten gut ausgebildet sind, werden wohl kaum in der Lage sein, anderen Menschen Gewalt anzutun.
 

TDO-Special – Es lohnt sich Respekt direkt zu benennen

Dies alles hat sich in Josefstal schon ereignet, mit einem Ergebnis, das Bände spricht: 95 % der Schüler/innen würden wieder an dem Projekt teilnehmen.

Die beteiligten Leitungsteams sowie das Projektteam hat im gleichen Zug erfahren, dass es sich lohnt ein logistisch sehr aufwendiges Projekt zu inszenieren, wenn es darum geht einen gesellschaftlich hoch relevanten Wert zu vermitteln und seine Durchdringung in der Gesellschaft voran zu treiben. Als Referentin am Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit in Josefstal habe ich erlebt, dass es gelingt Respekt direkt zu thematisieren ohne es moralisch zu postulieren. Interessanter Weise ereignete sich das, was meine Eltern mir „einbläuten“: Die Jugendlichen grüßten mich höflich auf den Gängen. Dabei war ich in den Gruppenarbeit selbst nicht eingebunden und hatte keine direkte Berührung mit ihnen. Es herrschte eine angenehme und spannungsfreie Atmosphäre. Ein interessantes Ergebnis!

Es wird deutlich, dass der Aufwand des Projektes der Bedeutung und der Relevanz des Wertes Respekt Rechnung trägt. Für seine Verbreitung in der Gesellschaft sollte keine Institution Kosten und Mühen scheuen. Allen voran das Bildungssystem! Respekt muss als Bildungsgut ausdrücklich benannt werden. Schule muss sich als die Bildungseinrichtung schlechthin an diesem Wert messen lassen. Es lohnt sich, dass Schule mit Partnern kooperiert, die Ressourcen haben, um den hohen Anspruch von Respekt zu verwirklichen. Schüler/innen die mit Schule einen respektvollen Umgang assoziieren, werden später zu Eltern, die ihren Kindern authentisch vermitteln können, dass Lehrkräfte als Respektspersonen zu achten sind. Jugendliche, die mit Jugendarbeit erlebt haben, dass es sich lohnt für einen respektvollen Umgang einzutreten, werden eher bereit sein, sich auch in Zukunft für entsprechende Werte, die Wohlbefinden versprechen, in der Gesellschaft zu engagieren.
 

Respekt – eine Haltung zur Linderung von Zivilisationskrankheiten

Das Körpergefühl eines Menschen, der unter Respektlosigkeit von anderen und gegen sich selbst leidet, wird begleitet von Unbehagen, Enge, Beklemmung, bis hin zur Autoaggression, Depression und Borderlinesyndrom.

Ein Mensch, der die Erfahrung, in den Augen anderer respektiert und geachtet zu sein, in sein Erfahrungsrepertoire aufgenommen und in sein Lebensgefühl integrieren konnte, wird es lange nicht nötig haben, nach Aufmerksamkeit zu heischen, um Beachtung zu rivalisieren, sich selbst größer zu machen als er/sie ist, anderer kleiner zu machen, um sich selbst gut zu fühlen, sich minderwertiger und geringer zu fühlen als andere, sich ständig zu überlasten mit Aktivitäten, um in den Augen anderer zu glänzen, raffen und zu schaffen um nicht zu kurz zu kommen.

Das Körper- und Lebensgefühl eines Menschen, in dessen Leben Respekt mit all diesen Fassetten zu einem erfahrbaren Wert geworden ist, umfasst die tiefe Verankerung und Vertrauen in sich selbst und zu anderen Menschen, Vertrauen in das Leben, Wohlbefinden, rundherum satt zu sein, Glücksgefühl.

 

Literatur:

Ameln / Gerstamann / Kramer:
Psychodrama. Springer-Verlag, 2004

Amtsblatt der Bayerischen Staatsministerien für Unterricht und Kultus und Wissenschaft, Forschung und Kunst, Teil I, Jg. 2000

Lehrplan für die Grundschulen in Bayern

Amtsblatt der Bayerischen Staatsministerien für Unterricht und Kultus und Wissenschaft, Forschung und Kunst, Teil I, Jg. 1997

Lehrplan für die Hauptschule

Amtsblatt der Bayerischen Staatsministerien für Unterricht und Kultus und Wissenschaft, Forschung und Kunst, Teil I, Jg. 2000

Lehrplan für die Realschule

Bibel:

Senfkornbibel, Deutsche Bibelgesellschaft 2004

Everett, Shirley / Steindorf, Lisa Carlone:
Frieden lernen. Ein Praxishandbuch für ein positives Schulklima. Cornelsen Skritpor, 2004

Geisler, Friedel und Görmar, Frank (1996):
Der Rollentausch mit dem eind, Morenos Soziodrama zum Thema Gewalt und Rechtsradikalismus. In: Jahrbuch für Psychodrama psychosoziale praxis & Gesellschaftspolitik, Ferdinand Buer (Hg). Opladen: Leske + Budrich, S. 9–26

Hengsbach, Friedhelm:
Das Reformspektakel, Warum der menschliche Faktor mehr Respekt verdient. Herder Verlag 2004

Hurrelmann / Rxius / Schirp u.a.:
Gewalt in der Schule. Ursachen Vorbeugung Intervention. Beltz Verlag 1996

Hurrelmann, Klaus / Unverzagt, Gerlinde:
Kinder stark machen für das Leben. Herzenswärme, Freiräume, klare Regeln. 2. Auflage, Herder Verlag 2000

Lehrplan für das Gymnasium, http://www.km.bayern.de/km/schule/lehrplaene/

Olweus, Dan:
Gewalt in der Schule – Was Lehrer und Eltern wissen sollten und tun können. Hans Huber Verlag 2004

Psychologie-heute:
33. Jg., Heft 11, Beltz Verlag 2006

Sennett, Richard:
Respekt im Zeitalter der Ungleichheit. Berlin Verlag 2004