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München / Josefstal, im Juni 1997
B. Eckmann und W. Schindler
Netzkultur in der Jugendarbeit braucht Gestaltung


Zur Konzipierung eines neuen Handlungsfeldes in der Jugendarbeit
(erschien, als zwei Teil-Beiträge, auch in der Zeitschrift "deutsche jugend", 10/97)


   
1. Vorbemerkung: Niemand braucht ein neues Medium, aber: ...

2. Das Netz ist keine Hype, sondern das Medium 3. Online-Kommunikation in der Jugendarbeit: ein Überblick
4. Soziale Aneignung und Gestaltung in der Praxis 5. ... solange er noch weich ist.

zu den Autoren



1. Vorbemerkung: Niemand braucht ein neues Medium, aber: ...
Auf die Rätselfrage: "Welche der Genannten haben keine eigene Homepage ? (1) Die Arbeitsgemeinschaft der ev. Jugend in Deutschland, (2) das kath. Kirchenvolksbegehren, (3) Hannovers Obdachlose, (4) der Hachelbach in Josefstal, (5) das Amt für Jugendarbeit-Bayern, (6) die feministische Mädchen-Antifa-Gruppe in Münster, (7) das deutsch-tschechische Jugendtreffen '96 in Policka, (8) die Bundesarbeitsgemeinschaft evang. Jugendferiendienste, (9) der christliche Friedensdienst e.V. in Frankfurt, (10) die evang. Jugend in Bad Windsheim (Mittelfranken) ? " war noch im Jahr 1996 der Tip auf die überregionalen Institutionen der Jugendarbeit richtig - aber bereits vor Erscheinen dieses Beitrags, im Frühjahr '97 sind alle im Netz. Geht nun, nach einzelnen Vorreitern von der Basis, die ganze Jugendarbeit online?

Kein Zweifel, neben der Finanznot und daraus folgenden Managementkonzepten bewegt "das Internet" die Praxis der Jugendarbeit, allerdings auf höchst unterschiedliche Weise: von grundsätzlichen Zweifeln und Verweigerung bis zu rigorosem Aufrüsten, dazwischen einzelne faszinierende Projekte. Es scheint Zeit, auf breiter Ebene die konzeptionelle Beschäftigung mit dieser technologischen und gesellschaftspolitischen Entwicklung voranzutreiben, um Chancen zur Gestaltung nicht zu versäumen - das Ziel dieses Beitrages.

Gestaltung meint: die eigene (Sub-)kultur in und mit diesem Medium zu realisieren, eventl. auch in Abgrenzung zu anderen Netzkulturen. Denn feststeht, daß auch diesmal die jeweilige Computerkultur ein getreuer Spiegel der übergeordneten Organisationskultur sein wird - eine These, die wir dem ChaosComputerClub verdanken. Gestaltung meint ebenso: Wer in einer Mischung aus Trägheit und Angst sich auf distanziertes Nörgeln beschränkt, muß sich später nicht wundern, wenn der Bahnhof abgefahren ist.

Schauen wir uns zunächst ein paar aktuelle Blitzlichter aus diesem Aneignungsprozes einer neuen Technologie an:

    Szenen 1: Im Bunker
Der Verweigerer,

in den besten Jahren, medial interessierter Pädagoge, fragt an unserem Messestand, dem Internet-Café: Können Sie mir eigentlich mal erklären, was das Internet mit der Jugendarbeit zu tun haben soll? Seinen Computer benutze er nur als bessere Schreibmaschine. Hätte er seine Entscheidung, es eigentlich nicht wissen zu wollen, geändert, wenn er die 13 -14 jährigen Mädchen wenig später erlebt hätte, die unseren Zivi inständig um Überstunden am PC baten, damit sie ihren Freunden in Wien noch schnell eine eMail schicken könnten? Andererseits, wieso sollte er? Schließlich funktioniert seine mediale Kommunikation, hat sein Wissensmanagement ihm bislang genügt.

Der Aufrüster

plant im großen Stil, wo andere sich noch mit Homepage-Design mit den Freaks der örtlichen Jugend plagen: ein "Server" muß her, ein zentrales Angebot für Jugendinformation, das sollen alle Anbieter in seiner "Szene" zusammengefaßt werden und vertreten sein. Was ihm noch fehlt, ist die Absegnung seines Zuschußantrages zur Finanzierung von mindestens zwei Projektstellen, um die ganzen Infos in die Kiste tippen zu lassen; eine Internetadresse hat er schon vor sechs Monaten reserviert, ohne schon selbst online zu sein- ist aber auch in Planung. Schließlich ist Vernetzung sein Anliegen, er würde gern dieses ganze Durcheinander strukturieren. So etwas wie die Spinne im Netz will er sein, sagt er und klagt wenig später, wie schwierig diese Arbeit sei, bei diesen ganzen Individualisten in der Jugendarbeit.

Der Überblicker

vermittelt gern referierend Orientierung und kann die ganze Aufregung um das Internet als Hype einordnen, als Medienereignis. Selbstverständlich ziert sein Briefpapier eine eMail-Adresse; daß nicht er eMail hat, sondern seine junge Assistentin (die ihm Nachrichten als Laserprinter-Ausdruck vorlegt), scheint ihm nicht erwähnenswert. Im Zentrum stünden schließlich Inhalte, für die Jugendarbeit einzutreten haben. Da bleibe einfach nicht genug Zeit, sich da jetzt auch noch einzuarbeiten. Er sei aber sowieso auch gut per Fax erreichbar. "Links" ist für ihn vor allem eine Haltung, weniger ein Fremdwort für Hypertext-Verbindungen. Schließlich dient diese Technologie dazu, die Globalisierung der Kapitalverwertung voranzutreiben.

    Szenen 2: auf der Baustelle
Was die drei -wohl frei erfundenen Typen- verbindet, ist ihre innere Distanz zu der Entwicklung eines ganz neuen Mediums, in dem alle alten Medien verschmelzen werden, ohne notwendigerweise zu verschwinden. Im Umgang mit den Dreien wird das Verharren in alten Denkmustern bzw. deren potenzierte Verlängerung mit den Mitteln der neuen Technologie deutlich. Ihnen fehlt eine Vision von "Telepolis", der neuen "Stadt am Netz", deren Besiedlung uns allen wohl bevorsteht.

Denn "wir stehen, so scheint es, an der Schwelle zu etwas Neuem, das wir langsam und mit noch unsicheren Schritten betreten und das uns auch ganz massiv aus kommerziellen Gründen und aus solchen der Standort- und Überlebenssicherung aufgedrängt wird, das aber noch weitgehend eine Baustelle ist. Es ist so, als hätte man ein neues Land, einen neuen Kontinent, einen neuen Planeten entdeckt, den es jetzt zu kolonisieren gilt, dessen Gesetze und Möglichkeiten aber noch unbekannt sind. Man .... glaubt aber auch, daß man hier etwas schaffen kann, was es so noch nicht gegeben hat, daß es eine Chance ist, die man nicht vorübergehen lassen sollte. Wie immer werden nicht zuerst die braven und seßhaften Menschen angelockt, sondern .... die Unzufriedenen und Utopiker, die Spinner und Sonderlinge, die Machtgierigen...."

So umreißt Florian Rötzer seine Perspektive unser Zukunft. Und in der Tat, es sind vor allem die Beweglicheren unserer Spezies, die dort, im jugendschützerisch motivierten Auftrag von Eltern und Jugendpflegeeinrichtungen wie auch im eigenen Interesse, sich überhaupt auf die Wahrnehmung einlassen, welcher Umbruch auf sie selbst und ihre Klientel zukommt. Noch wirkt es exotisch und überzogen, wenn eine junge Frau formuliert: "Die Net-Verbindung zu verlieren ist ein Schicksalsschlag, der jeden Cyberspace - Bewohner mit blankem Horror erfüllt. Ein Erlebnis, das man nicht mal schlimmer als der Tod nennen kann, denn irgendwie ist es der Tod. Netztod. Wenn du aus irgendeinem Grund den Zugang zum Netz verlierst....dann bist du tot, weg vom Netzfenster. Einfach gelöscht. Ausgeblendet. Ende. Eine ganze Welt verschwindet vor deinen Augen. Pfuff, wie in The Day After." Es hätte sich aber auch vor 30 Jahren niemand vorstellen können, daß ein Fernsehgerät als nicht - pfändbarer Bestandteil des alltäglichen Lebensvollzuges gelten könnte, ohne den eine Beteiligung am gesellschaftlichen Leben kaum realisierbar sei. Bis dies auch für den Netzzugang gilt, werden jedoch keine weiteren 30 Jahre mehr vergehen.

    Gesellschafts- und bildungspolitisch
folgert daraus schon heute die Forderung, die "informationelle Grundversorgung" sicherzustellen: Denn "wenn erst ein wesentlicher Teil der gesellschaftlichen Diskussion in den neuen Medien stattfinden sollte, wären de facto diejenigen ausgeschlossen, die sich die dazugehörige Geräteausstattung samt Gebühren nicht leisten können, mit der Bedienung nicht zu Rande kommen oder weitab von der Datenautobahn wohnen." Gefordert (und punktuell bereits realisiert) wird daher die Ausstattung von Schulen und öffentlichen Bibliotheken (zumindest) mit ISDN-Anschlüssen, die Beauftragung der öffentlichen Verwaltung mit der multimedialen Aufbereitung und Veröffentlichung ihrer Informationen, etwa in der Stadtplanung, die Betätigung der Rundfunkanstalten als Multimedia - Anbieter. Politisch komme es darauf an, der zu erwartenden gesellschaftlichen Spaltung in Informationseliten und passive Medienkonsumenten, "digitale Analphabeten" entgegenzusteuern, "um die drohende Bildungskatastrophe zu verhindern", Medienkompetenz zu vermitteln.

Es fällt leicht, dieses Ziel in Rahmen der Jugendarbeit sinnvoll und konzeptionell kompatibel zu integrieren, gerade, wenn es als Praxis einer gemeinsamen Lebensstilsuche von JugendarbeiterInnen und Jugendlichen geschieht. Solch eine gemeinsame Suchbewegung bei der Besiedlung von Telepolis, mit unterschiedlichen Voraussetzungen kann ein Schritt zur Überbrückung des Generationengegensatzes sein, den die jüngste Shell-Jugendstudie konstatiert. Bevor wir dies nun exemplarisch zeigen, ist es hilfreich, die technologische Entwicklung der Online-Medien, die materielle Basis konzeptioneller Überlegungen, zu betrachten:

2. Das Netz ist keine Hype, sondern das Medium

    eine exponentielle Entwicklung
  • Vernetzung von bislang singulären PCs, Nutzung des (Home-) PC als Kommunikationsmedium, Nutzung von Online-Diensten, - der gegenwärtige Boom, der eng mit dem Schlagwort "Internet" verbunden ist, war im Jahr 1995/1996 Ausdruck einer ähnlich fundamentalen Veränderung für die alltägliche Computerkultur, wie dies die Einführung des Homecomputer in den Jahren 1985/1986 war und ist es noch immer. Dieser Vernetzungsboom, die Verbindung von PC und Telefon ist qualitativ vergleichbar dem einstigen Computerisierungboom. Die zahlenmäßige Entwicklung hat einen exponentiellen Verlauf - und wir befinden uns jenseits des Umschlagpunktes von einem flachem zu einem steilen Anstieg. Die IBM etwa erwartet bis zur Jahrtausendwende 100 Millionen Computer am Internet (jetzt: 4 Millionen) mit 400 - 800 Millionen Nutzern (jetzt: 20 - 40 Millionen). Die Zahl der eigenständigen Internet-Adressen, der "Domains" stieg von ca 1.500 Anfang 1994 auf zur Zeit über 70.000 (Stand 17.9.97).
  • Neu ist Vernetzung als Massenphänomen, nicht als technische Möglichkeit. Denn im staatlichen, universitären und industriellen Bereich wird diese Technologie schon lange angewendet; das Internet etwa existiert seit rund 20 Jahren. Desgleichen gibt es zumindest seit 15 Jahren zahlreiche Mailboxen, kommerzieller wie privater Art. Zwar ist deren Anzahl gestiegen, genutzt wurden sie jedoch vorwiegend von jeweils kleinen Gruppen von Technikfreaks, Geschäftsleuten und politischen Aktivisten. Auch das BTX-System trat vor ca. 10 Jahren mit dem Anspruch "Volksdatennetz" auf, kümmerte jedoch lange sehr weit unterhalb der Prognosen (1985: 39 000 TN, jedoch, als "T-online" im April 1997: 1,466 Millionen TN ). Andere Online-Dienste wie AOL oder Compunet erlebten einen Boom, allerdings dürfte deren Bedeutung in dem Maße zurückgehen, wie ihre Inhalte im Internet direkt angeboten werden.
    Multimedia- Technologie
     
  • Der Durchbruch vom Spezialistenmedium zum (potentiellen) Massenmedium korreliert mit der vereinfachten Bedienung von PCs durch GUI (grafische Benutzeroberflächen wie Fenstertechnik und Maus statt Kommandozeilen tippen) und Multimedia. Denn dadurch verkürzten sich Zeiten des Erlernens einer PC-Anwendung auf Minuten statt Monaten oder Wochen. Im professionellen Bereich wurden durch GUI und Multimedia in vielen Bereichen PC-Anwendungen überhaupt erst ökonomisch sinnvoll; ebenso wurde der Boom der Homecomputer möglich. Der Internetboom ist denn auch kein solcher, sondern ein Boom der Multimediaoberfläche des Internet, des "World Wide Web", erfunden im Jahr 1990 bei CERN. Erst damit wird die Nutzung bisher kommandozeilengesteuerter Internetdienste (z.B. "ftp", die Übertragung von Software von PC zu PC, ) mit einem mausgesteuerten Programm, dem WWW-Browser möglich. Auch das frühere BTX reagiert als T-online seit ca. 2 Jahren auf die Maus statt nur auf einzutippende Schlüsselzahlen, es wird ab Somer 97 praktisch mit dem Internet verschmolzen.
  • Das entscheidende Merkmal von "Multimedia" ist die Zusammenführung der alten, getrennten Medien im PC als Querschnittsmedium: Schrift, Bild, Ton und Film sind durch die Digitalisierung editierbar und computergestützt produzierbar und reproduzierbar geworden. Der Disney-Film "Toy Story" illustriert, auf welchem Niveau dies bereits -professionell- geschieht - auch wenn er mangels Bandbreite noch nur im Kino / auf Casette vertrieben wird.
  • An der Schwelle zur Konzipierung stehen die Einspeisung und interaktive Auswahl von Videofilmen, gegenüber derzeitig vorherrschenden Beschränkung auf Text, Ton, Bild, und Videoclips. Denn ISDN ist noch ein schmalbandiges Netz, das jedoch schon begrenzt Fernsehübertragung zuläßt. Mit der digitalen Nutzung ausreichend schneller und leistungsfähiger -breitbandiger- Leitungsnetze, wie etwa dem Kabelfernsehnetz, ist dann ein nochmaliger Qualitätssprung zu erwarten. So sind also nun alle Medien interaktiv zugänglich und können übers Netz verteilt und künftig auch vermarktet werden.
  • Die letzte noch fehlende Voraussetzung "Digital money", elektronisches Geld wird gerade fertiggestellt und schafft damit die alles entscheidende Grundlage, um aus dem Nischenphänomen "Telearbeit" die reguläre Form von Arbeit zu machen. (Indien ist schon heute der zweitgrößte Exporteur von Software.) Globalisierung wird mit dem Internet(WWW) "erst richtig schön".
Obwohl der derzeitigen veröffentlichten Diskussion um diese Entwicklung durchaus hysterische Züge nicht abzusprechen sind, ist eine grundlegende Veränderung der Strukturen in Kommunikation und Produktion, eine zunehmend realisierte Informationsgesellschaft also unverkennbar. Kulturelle Angebote, Schulung und Ausbildung, Weiterbildung wird zunehmend, weil kostengünstig, durch interaktive Multimedia-Programme angeboten - und über das Netz verteilt: Edutainment und Infotainment, Telelearning - und dabei geht es nicht um Jugendarbeit!. Gleiches gilt für perspektivisch für Software, die künftig sogar betriebssystemübergreifend und -unabhängig funktionieren soll (Java).

Das heutige WWW-Angebot entspricht in seiner medialen Qualität in etwa dem Film auf dem Niveau des Stummfilms - es wird aber nur einen Bruchteil der Zeit wie einst der Film brauchen, um einen vergleichbaren Qualitätsstandard zu erreichen.

Kurz: Aus dem Personal-Computer wird ein Interpersonal-Computer oder auch: Internet goes TV, aus dem Arbeitsmittel der Wissenschaft wird ein Massenmedium.

3. Online-Kommunikation in der Jugendarbeit: ein Überblick

  • Die Nutzung dieser Netzwerktechnologie hat für Jugendliche einen hohen Statuswert, der sich von deren gesellschaftlichem Statuswert ableitet. Zugleich läßt sich damit (sogar anerkennende) Distanz von der großen Mehrzahl der Erwachsenen gewinnen, die sich selbst meist als technologisch rückständig sehen oder es oft auch sind. "Online sein", zur "Generation @" zu gehören, ist ein Accessoire zumindest einer jugendlichen Subkultur.
  • Die Nutzung dieser Netzwerktechnologie hat für Jugendliche einen hohen Gebrauchswert: vernetzte PCs sind leistungsfähige Produktions- und Kommunikationsmittel, die allerdings nur einer Minderheit von Jugendlichen unbeschränkt zugänglich sind. Sie eröffnen Jugendlichen einen bisher privilegierten Erwachsenen vorbehaltenen Bereich, Modellprojekte der Jugendarbeit mit diesen Technologien zeigen, daß dies nicht zwingend auf Jugendliche mit höherer Schulbildung begrenzt sein muß. (vgl. im Detail: Abschnitt 4)
  • eMail dürfte zu Recht als neues Kommunikationsmedium zu bewerten sein: schriftlich wie ein Brief, mit der Geschwindigkeit des Telefons (in Echtzeit also), aber unabhängig wie ein Brief von der (beim Telefonieren nötigen) Gleichzeitigkeit, der Präsens beider Partner. Ohne Mehraufwand kann eMail als vertrauliche Kommunikation zwischen 2 Individuen, als Rundschreiben an definierte Zielgruppen oder als Veröffentlichung (am schwarzen Brett einer Mailbox) gestaltet werden - die Diskussion in einer der zahlreichen Ecken des virtuellen Marktplatzes. Der für eMail - Kommunikation nötige Aufwand ist sowohl technisch als auch finanziell im laufenden Betrieb gering, deutlich geringer als Portogebühren, die kommunikative Reichweite erheblich größer.
Schema: Vorname.Name @ postfach.unsere-Firma.de
  • Mailboxnetze sind zugleich auch Archive, auf die -neben anderen- Jugendliche als TeilnehmerInnen einer Mailbox preisgünstig Zugriff haben: als Nachfrager von Information, als Anbieter und als diejenigen, die dort ihre Information nach ihren Kriterien organisieren können (durch Installation neuer Bretter, durch Bezugsverkettungen der Nachrichten an solchen Brettern etc.). Jugendinformation ist hier ein wechselseitiger Prozess. Im Gegensatz zu kommerziellen Online-Diensten sind Mailboxen ein virtueller Marktplatz für digitale Niedrigpreisware von bisweilen hoher Qualität. Noch sind diese Netze nur lose mit dem Internet verkoppelt, halten eher skeptisch Distanz zur kommerziellen Eroberung durch den bunten Internet-Mainstream. Jedoch gehen mittlerweile auch Mailboxen den Weg ins Internet (WWW).
  • Online-Chats ähneln einer schriftlichen Telefonkonferenz mehrerer Partner, ganzer Gruppen und erfreuen sich -nicht nur bei Jugendlichen- steigender Beliebtheit; hier sind eigenständige Szenen entstanden, die sich für Außenstehende nicht immer einfach öffnen, Regelwissen und eine spezielle Etikette erfordern. Bekannt in der Öffentlichkeit sind davon bestenfalls die Emoticons: ;-). Online-Chat und eMail sind Medium des Spiels mit der Identität und der sozialen Rolle, die im Dialog frei definierbar wird. Normale Erwachsene haben im "IRC", den Chatkanälen des Internet kommunikativ keine Chance. :-) - ein jugendkulturelles Reservat!
  • Ebenso ist das Gestalten eigener "Homepages" und Web-Sites im WWW eine Variante elektronisch gestützten Publizierens, das sich von Rundbriefen aus dem Kopierer strukturell unterscheidet. Info- Angebote werden von Interessenten abgeholt statt kostenaufwendig, in schwer kalkulierbaren Auflagen , produziert und verteilt. Adressaten sind ohne deren explizite Entscheidung zur Kontaktaufnahme nicht erreichbar. Damit verbunden ist die kurzfristige Aktualisierbarkeit solcher Informationen. Internet - Publishing und die Beteiligung an Diskussionsforen im Internet und in Mailboxen sind niederschwelliges Publizieren, redaktionelle Barrieren entfallen - und fehlen eventuell. Homepages können so auch Medium jugendlicher Partizipation, Selbstvergewisserung und -inszenierung sein; deren Gestaltung und Veröffentlichung ist ein überprüfbarer Trend.
  • Das berüchtigte "Surfen" im WWW eröffnet assoziativ ein weltweites Universum von sonst höchstwahrscheinlich unzugänglicher Vielfalt mit ebenso unkalkulierbarem Nutzen, mit der Chance zu sofortiger vertikaler Vertiefung, wenn beim horizontalen Surfen Interessantes sichtbar wird. Diese Hypertext - Struktur des WWW im Internet macht Zensur (aus jedweder Motivation) hilflos - und entsprechend aggressiv. Es entstehen unkontrollierbare und weltweite Netzwerke von Themen, Inhalten und Personen. Bildlich gesprochen: Die Informationsfülle des hypertextförmigen WWW (und der Mailboxen) ähnelt derzeit dem im Kanu befahrbaren Mündungsdelta eines großen Flusses, nicht aber einer Flutwelle, die unerbeten über uns hereinbricht
  • Als Marketingaufgabe neu ist die Notwendigkeit, die Existenz der eigenen Site über andere, traditionelle Medien zu bewerben und dabei einen möglichst anschaulichen Namen zu ergattern, etwa "Evang-Jugendreisen.de". Präsenz im Internet paßt zur Jugendarbeit, weil es ein ideales Instrument für Direktmarketing ist - eine klassische Form von Jugendarbeitspraxis.
Die horizontal vernetzte weltweite Struktur des Internet und die dadurch mögliche Erreichbarkeit jedes einzelnen Rechners im Verbund sind eine potentielle Verwirklichung des globalen Dorfes und der Brecht'schen Utopie des Radios: der Rechner im Nebenraum, im Nebenhaus, und jenseits des Ozeans sind nur einen Mausklick voneinander entfernt, ebenso die spontane eMail Reaktion an die Autoren eines Beitrages. Räumliche Nähe verliert an Gewicht bei der Gestaltung von Kontakten; jeder kann real Sender und Empfänger sein. Menschliche Begegnung und Kommunikation bekommen potentiell eine neue, zusätzliche Ebene. Über deren gesellschaftliche Folgen wird vorwiegend spekuliert, ohne daß deren neue Qualität schon wirklich begriffen wäre. Unabhängig davon aber ist sie bereits Realität und wird gestaltet.

Für die Jugendarbeit (erInnen) stellt sich die Frage, ob sie sich den mühevollen Prozess der Aneignung dieser neuen Kulturtechniken, privat und im beruflichen Zusammenhang, "antun" wollen. Konzeptionell scheint klar, daß hier ein Emanzipationsprozess im besten Sinne möglich ist: der Auszug aus einer selbstverschuldeten Unmündigkeit mit all seinen Unannehmlichkeiten und Utopien. Es besteht jedoch nur die Wahl zwischen (Mit-)Gestalten und Akzeptieren von Strukturen, die andere ohne unsere Beteiligung schaffen werden- beispielsweise der eingangs karikierte "Aufrüster". W.Steinmüller, der "Erfinder" des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung, beschreibt die Situation bildhaft so: "EDV-Anwendungen sind wie flüssiger Beton - anfangs nahezu grenzenlos gestaltbar."

Werfen wir also einen Blick auf die Details solcher Gestaltungsversuche:

4. Soziale Aneignung und Gestaltung in der Praxis

    eMail ist etwas Eigenartiges
Es würde mir nie einfallen, ein paar Tage lang den Briefkasten nicht zu leeren. Alltagsrituale funktionieren, und ich kann mich nicht daran erinnern, das einmal gelernt zu haben. Die Post landet auf meinem Schreibtisch im Jugendzentrum, einiges geht ungelesen direkt in den Papierkorb, anderes in die Ablage. Wer wie lange auf eine Antwort warten muß - das kommt darauf an. Die Deutsche Bundespost erledigt ihre Aufgabe innerhalb von ein bis zwei Tagen und der Rest ist Kommunikation zwischen Menschen. Wir können damit umgehen.

eMail ist schnell und anders. Innerhalb eines Mailboxsystems kann ich die Nachricht direkt ins virtuelle Postfach des/der EmpfängerIn legen. Nur - wann wird das Fach geleert, wann der "Netcall"gemacht? Wann wird die Nachricht gelesen, wann beantwortet? Die fast beliebigen Verknüpfungsmöglichkeiten machen neue Kooperationsformen möglich, wie zum Beispiel virtuelle Arbeitskreise. Hier wird schnell ein Regelungsbedarf deutlich.

In unserem virtuellen Jugendarbeits-Arbeitskreis, dem trägerübergreifenden "Münchner Mailboxprojekt", mit ca. 30 teilnehmenden Einrichtungen (Kreisjugendring München-Stadt, Kreisjugendring München-Land und andere) war gleich zu Beginn der Arbeit eine erste Vereinbarung notwendig. Sie bezog sich auf die allgemein akzepierte Reaktionszeit bei virtuellen Entscheidungsverfahren im, allen TeilnehmerInnen zugänglichen, elektronischen Diskussionsforum, dem "Brett": MAILBOXPROJEKT / SOZPAEDS. Wie lange muß ich also, wenn ich einen Vorschlag gemacht hat, auf Antworten warten, bevor ich zur Tat schreiten kann? Wir haben uns auf eine Woche geeinigt. So haben auch diejenigen KollegInnen, die nur einmal pro Woche ihre elektronische Post in ihren Rechner laden, eine Chance zu reagieren. Das gibt einen Arbeitsrhythmus vor.

Für Leute, die intensiv mit eMail arbeiten und täglich einen Netcall machen, mag das zu langsam sein, aber hier war ein Kompromiß notwendig. Gut, daß es nicht immer nur um Entscheidungen geht, die geregelt ablaufen müssen. In den ungeregelten Diskussionen entwickelt sich jeweils ein eigener Rhythmus. Jemand antwortet auf die initiierende Nachricht, es entsteht ein Diskurs zwischen wenigen PartnerInnen, oft bleibt es dabei, daß zwei PartnerInnen intensiv aufeinander eingehen und sich nur gelegentlich andere "einmischen". Das Tempo bestimmen die aktivsten SchreiberInnen.

Es entstehen Rollen: VielschreiberInnen, SchnellschreiberInnen, Impulsive, Nachdenkliche, Unaufmerksame, Ironische, Ernste etc. Gelegentlich stockt der Fluß, weil NachzüglerInnen auf bereits weiter zurückliegende Beiträge reagieren, auch thematisch verzweigt sich die Diskussion und es wird unübersichtlich. Noch haben wir keine Regeln für eine thematische Diskussion entwickelt. Es ist wohl noch nicht notwendig.

eMail ist neu und sie erzwingt, sobald sie von einer Gruppe von Menschen ernsthaft angewendet wird, wegen ihrer spezifischen Schnelligkeit, Verfügbarkeit und Verknüpfbarkeit eine Auseinandersetzung über Regeln und Konventionen. Obwohl die Teilnahme an einer eMailkommunikation ausschließlich schreibend am Rechner geschieht, reichen Regeln des schriftlichen Verkehrs bei weitem nicht mehr aus. Man schreibt und ist doch unabhängig von Ort und Zeit in Kontakt und im Austausch mit einer Gruppe von anderen Menschen. Allgemein vertraute Regeln, die für die zeitgleiche mündliche und visuelle Kommunikation in Gruppen gelten, müssen übertragen und angepaßt werden.

Im Bild einer anderen, längst vollzogenen Anpassung an eine technisch-soziale Revolution: So wie das Automobil und die automobile Gesellschaft nicht in einem Stück erfunden wurden, sondern die Erfinder zuerst einen Motor an die Kutsche montierten, noch nichts von einer bequemen Reiselimousine wußten (und die Idee eines Solarmobils noch nicht gedacht werden konnte), so sind auch wir gerade dabei, Dinge, die, so wie sie sind, noch gar nicht recht zueinander passen, zusammenzumontieren. Wir feilen aber schon einiges zurecht.

Das alles ist kennzeichnend für neue und offene Situationen. Ein neues Medium ist in unserem Arbeitsfeld aufgetaucht, alles ist hier noch beim alten, aber schon in Frage gestellt durch die neuen Möglichkeiten. Es tauchen praktische Fragen auf:

  • Soll im konkreten Fall telefoniert werden, wäre eine elektronische Nachricht angemessener, würde ein konventioneller Brief mehr Aufmerksamkeit erregen? Wie verbindlich ist ein eMailtext im Verhältnis zum Schriftstück?
  • Wie sollen Nachrichten aus dem Netz in den Diskussionsprozeß im Team eingespeist werden? Welche neue Fragen können gestellt werden angesichts der neuen Kontakt- und Recherchemöglichkeiten? Was sollen wir welcher Netzöffentlichkeit mitteilen?
  • Wie ist unser Konzept der Öffentlichkeitsarbeit zu modifizieren?
  • Wer wählt relevante Nachrichten aus? Nach welchen Kriterien?
  • Können wir eine bestimmte Frage in der Netzdiskussion ansprechen oder sollen wir damit bis zum nächsten realen Treffen warten?
  • Ist es nicht sinnvoll, sich seltener real im Arbeitskreis zu treffen, nachdem nun die Möglichkeit besteht, elektronisch Kontinuität herzustellen?
  • Genügt es, eine/n eMailspezialistIn im Team zu haben, oder müssen alle fit im neuen Medium sein? Ensteht informelle Macht durch Medienkompetenz? Wenn ja, wie gehen wir damit um?
  • Und wie schaut es in anderen Teams aus? Was nützt es, wenn wir das Medium auf unsere Art in den Arbeitsablauf integriert haben, andere Teams aber dieses Problem anders gelöst haben, bzw. sich noch gar nicht damit befaßt haben?
  • Können und sollen unter den neuen Bedingungen bestimmte Arbeiten besser zuhause erledigt werden?
  • etc.
Angesichts dieser Komplexität scheint der technische Aspekt des Ganzen vergleichsweise wenig problematisch. Technische Fragen stehen am Anfang der Integration ins Arbeitsfeld im Mittelpunkt, faszinieren und machen Ärger, treten aber sehr schnell wieder in den Hintergrund. Es sind Fragen organisatorischer, struktureller, sozialer, pädagogischer, psychologischer und letztlich auch politischer Art, die uns beschäftigen, wenn wir versuchen, das neue Medium in verbindlicher Form in die berufliche und pädagogische Arbeit zu integrieren.
    eMail verändert Gruppenprozesse und Organisationen: ein Beispiel
Zu einer ExpertInnentagung "Jugend auf der Datenautobahn" wurde ins Studienzentrum Josefstal eingeladen. Die Ausschreibung erfolgte nur elektronisch und öffentlich im /CL-Netz und im Internet, denn es sollten engagierte Leute aus der Jugendarbeit angesprochen werden, die bereits Erfahrung mit der pädagogischen Arbeit in elektronischen Netzen haben. Nachdem die allgemeine Zielsetzung der Tagung öffentlich andiskutiert war, und eine genügende TeilnehmerInnenzahl feststand, wurde die TeilnehmerInnenliste nach Rücksprache mit den KollegInnen veröffentlicht. Schließlich war die Information darüber, wer bei einem ExpertInnentreffen dabei sein wird, wesentlich.

Überraschenderweise entzündete sich an diesem Punkt eine kurze, aber heftige öffentlichen Diskussion im Netz zur Frage, ob wir nicht gegen wichtige Aspekte des Datenschutzes verstoßen hätten. Natürlich hatten wir vorher die Zustimmung der Beteeiligten eingeholt, um die nun neue Möglichkeit, potentielle InteressentInnen über die Personen der bereits bestehenden Gruppe zu informieren, nutzen zu können. Aber das Vorgehen war neu und fiel auf.

Nun wurde eine geschlossene BenutzerInnengruppe in Form einer Mailingliste eingerichtet, zu der nur bereits verbindlich Angemeldete Zugang hatten, zum Austausch über Zielsetzungen der Tagung und vor allem über die Art und Weise der Tagungsorganisation. Dies alles gestaltete sich als offener Prozeß, bei dem jede/r mitsteuern konnte. Kurz vor dem endgültigen Anmeldeschluß wurde das nun sehr detaillierte Planungsergebnis in den Netzen veröffentlicht, um noch ein paar Kurzentschlossene für das Treffen zu gewinnen. In einer letzten Phase konzentrierte sich die konstituierte ExpertInnengruppe auf die gegenseitige persönliche Vorstellung per eMail.

Auch die Verwaltungsabläufe im Studienzentrum Josefstal mußten im Verlauf der Vorphase angepaßt werden. Das Medium "eMail" war bis dahin noch nicht in den Organisationsablauf integriert, statt der Sekritärin beantwortete nun der verantwortliche Dozent -per eMail- die Anmeldungen.

Die eMail-gestützte Planungs- und Vorbereitungsphase kann als gelungenes Experiment bezeichnet werden. Bemerkenswert ist, daß die neuen technischen Möglichkeiten die Steuerungsmöglichkeiten für die TeilnehmerInnen erheblich erhöht haben und daß diese Möglichkeiten auch ausgiebig in Anspruch genommen wurden. Im realen Treffen konnte so, nach den spannenden Momenten des persönlichen Kennenlernens, sehr schnell zu den Tagungsinhalten übergegangen werden.

Erfreulicher- und überraschenderweise kamen 15 PraktikerInnen der Jugendarbeit aus dem ganzen Bundesgebiet nach Josefstal, nur um ihre beruflichen Erfahrungen mit anderen diskutieren und reflektieren zu können. Dies ist schon fast unüblich geworden in der Szene; zu bundesweiten Tagungen kommen die KollegInnen in der Regel nur noch, wenn "große Namen" und Titel als Zugpferde wirken. Die aktivierende eMailvorphase könnte hier zum Mitmachen motiviert haben.

Wir Moderatoren waren in der Vorphase sehr unsicher und gespannt gewesen, ob diese Art der Ausschreibung beim Publikum überhaupt verbindlich wahrgenommen werden würde. Es gab Zweifel, ob die TeilnehmerInnen und auch wir der Anforderung, bereits lange vor der Veranstaltung in einen intensiven kommunikativen Prozeß einzusteigen, gewachsen sein würden. Aber es hatte einigermaßen funktioniert.

Bei der Tagung wurde unsere Arbeit erleichtert durch die in der Gruppe bereits eingeübte Fähigkeit der Selbststeuerung. Es wurde stets sehr schnell ein Konsens zum Verfahren gefunden. Die knappe Zeit konnte für die ausführliche Darstellung der Praxiserfahrungen der TeilnehmerInnen und die reflektierenden und thematische Diskussion genutzt werden.

Zum Schluß wurde vereinbart, sich in einem Jahr wiederzutreffen und in der Zwischenzeit über die Mailingliste in Kontakt zu bleiben. Der Informationsfluß in der Mailingliste verebbte nach ca. 2 Monaten, es ist jedoch feststellbar, daß Kooperationen zu speziellen Themen zwischen einzelnen TeilnehmerInnen über eMail weiterlaufen.

Aus größerem zeitlichen Abstand betrachtet ergibt sich folgendes Bild: Die Tagungsleitung konnte sich weitgehend auf die Moderation des Kommunikationsprozesses konzentrieren. Phasen des Kennenlernens, der Profilierung, der Planung und der Arbeitsabsprachen wurden vor das reale Treffen ausgelagert und wurden von allen Beteiligten gleichberechtigt getragen, das reale Treffen diente primär der persönlichen Wahrnehmung, dem Kennenlernen des beruflichen Erfahrungshintergrunds der TeilnehmerInnen und der gemeinsamen Reflexion der Praxis. Die thematischen Diskussionen konnten wegen der Zeitbegrenzung auf einen ganzen und zwei halbe Tage nicht zu Ende geführt werden. Dies erzeugte jedoch keinen Zeit- und Leistungsdruck, da die Chance der Fortführung des Austausches nach Tagungsende da war.

Auffallend ist, daß die eMailphasen von anderen TeilnehmerInnen dominiert wurde, als das reale Treffen: VielrednerInnen sind nicht zwangsläufig auch VielschreiberInnen. So wirkt das neue Medium auch ausgleichend bezüglich der Chancen, sich aktiv in den Prozeß einzubringen. Das "Abklingen" der Kommunikation in der Nachphase erscheint verständlich. Die Intensität der Kommunikation muß auch im neuen Medium dem grundsätzlich lockeren Charakter einer jährlichen Tagungsreihe entsprechen. Es könnte sinnvoll sein, zukünftig Vor- und Nachphase von vorne herein einvernehmlich zu begrenzen. Es wird spannend sein zu beobachten ob, wie und mit welchen TeilnehmerInnen dieser Austausch im Vorfeld des nächsten Treffens wieder aufleben wird.

Ob die Integration von eMail eine allgemeine Zeitersparnis gebracht hat, ist schwer zu beurteilen. Das reale Treffen konnte effektiv und kurz gehalten werden. Die Zeit, die die TeilnehmerInnen in die eMailphasen investiert haben, war nicht ermittelbar und der persönliche Aufwand dürfte auch sehr davon abhängen, wie vollständig und damit reibungslos eMail in den eigenen Arbeitsablauf integriert ist.

Das Feedback der TeilnehmerInnen zur eMail-Vorphase fiel sehr unterschiedlich aus: Kritik wegen des hohen Zeitaufwands ebenso wie Äußerungen der Zufriedenheit über die hohe Effizienz. Mit hoher Übereinstimmung gab es jedoch eine Rückmeldung zur Arbeit der Moderatoren: Die Offenheit des Prozesses wurde zwar generell begrüßt, im Interesse der Reduzierung der Arbeitsbelastung der Gruppe jedoch eine stärkere Strukturierung durch die Moderatoren gewünscht. Hier muß neu ausbalanciert werden.

    Strategien der Informationsverarbeitung
Die Technik der Computernetze bietet bisher nicht bekannte Möglichkeiten der Verknüpfung und des Zugriffs auf Informationsquellen. Wer über die Technik verfügt, kann mit PartnerInnen, die ebenfalls Online sind, beliebig definierbare Netze schaffen. Der Zugriff auf eine ständig wachsende und prinzipiell unbegrenzte Menge von Informationen wird möglich und jede/r ist in der Lage, eigene Informationen in die Netze einzuspeisen.

Aus Informationen und Verknüpfungen können Wissen und Beziehungen entstehen. Wir können in einer Fülle von wachsenden Möglichkeiten frei auswählen. Was aber nicht wächst ist die Zeit, die uns für diese Zwecke zur Verfügung steht. Die Möglichkeiten des Umschichtens von Zeitkontingenten sind begrenzt.

Wir müssen uns also entscheiden, wenn wir die Kontrolle behalten wollen und nicht das Medium unangemessen Macht über uns bekommen soll. Wenn von "Medienkompetenz", "Informationsmanagement" oder "Wissensmanagement" die Rede ist, dann geht es immer auch um die Frage der Entscheidungs-, Auswahl- und Strukturkompetenz inmitten einer Fülle von Informationsangeboten. Das Chaos muß strukturiert werden, damit die Informationen nutzbar gemacht werden können. Wir brauchen gelassene Offenheit, um Neues wahrnehmen zu können, ebenso wie Disziplin gegenüber den vielfältigen Versuchungen und Ablenkungen. Es handelt sich also um einen ständigen Balanceakt zwischen Offenheit und Disziplin, und wenn er gelingt, bekommt das Medium, die mächtige Universal- und Wunschmaschine "Computer", für einen bestimmten Zeitraum Werkzeugcharakter. Es wird sogar nützlich.

Diese individuellen Strategien der Informationsverarbeitung entstehen im Prozeß und im Austausch mit anderen, die ebenfalls nach Orientierung suchen. Konkret ist dies in elektronischen Diskussionsforen zu beobachten, in denen Anfragen und Hilfsangebote bei individuellen Suchvorgängen einen Hauptteil der Kommunikation ausmachen. Jeder ist Fragender und "Info-Brooker" zugleich.

Werkzeuge können nur im Zusammenhang mit einer konkreten Aufgabenstellung entwickelt werden.

Im Mailboxprojekt, unserem elektronischen Diskussionsforum sieht das so aus: Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die regionale fachliche Vernetzung im Bereich der offenen Kinder- und Jugendarbeit zu verbessern, gleichzeitig zusammen mit den Kindern und Jugendlichen die elektronischen Netzwelten zu erschließen und zu erkunden. Nun fließen seit ca. einem Jahr Informationen im maßgeschneiderten Netz.

Im Brett "MAILBOXPROJEKT/SOZPAEDS" findet gegenseitige Beratung statt, wobei es noch vorwiegend um technisches Know-how und Organisatorisches geht. Die sozialpädagogischen Inhalte tauchen nur sehr zögerlich auf. Hinweise auf fachlich interessante Info-Quellen in den Mailboxnetzen oder im Internet sind selten. Manche Infoangebote werden lebhaft diskutiert, andere bleiben unerklärlicherweise ohne im Netz wahrnehmbare Resonanz. Einige Jugendzentren basteln bereits an einer eigenen Homepage fürs Internet, andere sind noch dabei, die Technik für die eMailkommunikation ordentlich zum Laufen zu bringen.

Regelmäßig kommen neue Einrichtungen hinzu und müssen erste technische Hürden überwinden, während die Geübteren Struktur- und Konzeptdiskussionen anzetteln, die neue und aufregende Perspektiven eröffnen sollen.

Es tut sich was. Fragt man nach, so sind alle irgendwie dabei, das neue Medium in die Arbeitsumgebung sinnvoll zu etablieren und zu integrieren. Dies geht nicht konfliktfrei, Widerstände sind spürbar, das Tempo ist sehr verschieden. Angesichts der drängenden Aufgaben des Arbeitsfeldes und den immer knapper werdenden Ressourcen wird dem neuen Medium relativ oft eine Nischenexistenz im Jugendzentrum verordnet. Dennoch ist stets die Perspektive einer besseren Integration da; Geduld ist gefordert.

So wird auf sehr konkrete Art an der Entwicklung von individuellen und einrichtungsbezogenen Strategien der Informationsverarbeitung gearbeitet. In der konkreten Zusammenarbeit in einem überschaubaren Umfeld entsteht das Wissen, das wir brauchen, um in den neuen Medien einer Informationsgesellschaft eine aktive Rolle spielen zu können.

    Jugendliche lieben den Online - Chat
Und die Kinder und Jugendlichen?

Ihnen geht es kaum anders als uns. Sie müssen ebenfalls herausfinden, welchen Nutzen sie aus dem neuen Angebot ziehen können. Zuerst ist generell Neugierde da. Die typischen BesucherInnen von Kinder- und Jugendtreffs kennen eMail, Internet und Netzwelten nur aus den Medien. Sie sind interessiert und verunsichert und eine der ersten Effekte im Kontakt mit dem neuen Medium ist das Erstaunen über die Vielzahl der Möglichkeiten, sehr schnell aber auch eine Entmystifizierung.

Sie befinden sich in der anregenden und reichhaltigen Umgebung des Jugendzentrums, suchen Kontakt, Entspannung, Zerstreuung, Orientierung etc. und eine Aktivität unter vielen kann der Umgang mit dem vernetzen Rechner sein.

Was tun sie damit? Sie klinken sich mit Begeisterung in Online-Chats ein, stöbern gerne im World-Wide-Web, schauen schon mal, bei vorhandenem Spezialinteresse, den Nachrichtenbestand eines elektronischen Diskussionsforums durch. Eher selten schreiben sie eine eMail, denn wem sollte man denn schreiben und wem ist schon das Briefeschreiben vertraut? Wenn sie mit den Netzen arbeiten, tun sie das am liebsten in einer kleinen Gruppe, seltener konzentriert alleine.

Sehen wir uns die Begeisterung für den Online-Chat genauer an: Beim Chat kommuniziert zeitgleich eine Gruppe von verschiedenen Menschen, die sich meist nicht persönlich kennen, mittels der Computertastatur miteinander. Das Mailboxprojekt hat ein Chatforum eingerichtet, in dem sich Kinder und Jugendliche aus Münchner Einrichtungen "treffen" können. Am Bildschirm erscheinen wie aus dem Nichts Zeilen und Sätze eines Gruppendialogs, an dem man teilnimmt.

Die Stimmung der Menschen vor der Tastatur ist stets angeregt. Schreibhemmungen sind auch bei Ungeübten kaum feststellbar. Es kommt ja auch nicht auf korrekte Rechtschreibung und Grammatik, sondern auf schnelle Auffassungsgabe und Schlagfertigkeit an. Mädchen sind oft geschickter im Umgang mit verzwickten kommunikativen Situationen, die sich ergeben können. Sie müssen sich nur erst einmal den Platz an der Tastatur erstritten haben. Was geschieht in diesen Dialogen, deren sehr schlichtes sprachliches Niveau gelegentlich Anlaß zu abwertenden Bemerkungen von pädagogischer Seite gibt?

Die Jugendlichen nehmen auf lockere Art Kontakt auf, sie präsentieren sich und spielen mit ihrer Identität. Gerade die äußerst reduzierte Art der Kommunikation erlaubt es ihnen, beliebige Identitäten vorzutäuschen. So kann ein Mädchen ausprobieren, wie es ist, sich als Junge mit Jungen zu unterhalten, oder ein 14-jähriger Junge macht sich älter und kann so einmal mit einer jungen Frau flirten. Das ist aufregend, aber genauso aufregend ist die durchaus reale Möglichkeit, die Personen aus dem Netz wirklich kennenzulernen. Diese realen Treffen finden tatsächlich statt, und es kommt zu dem spannenden Moment der Begegnung mit Menschen, von denen man schon eine Vorstellung entwickelt hat. Ein solches Treffen kann aber nur befriedigend verlaufen, wenn man vorher ein einigermaßen authentisches Bild von sich abgegeben hat. So entsteht eine ambivalente Spannung zwischen der Chance des realen Kennenlernens und Möglichkeit des Spielens mit der Identität. Dieses Spannungsverhältnis macht wohl die Faszination des Mediums mit aus, und ist in den Dialogen des Chats stets spürbar.

Kontaktaufnahme und Identitätsentwicklung gehören zu den zentralen "Aufgaben" des Jugendalters und so gesehen ist der lustvolle Umgang mit dem Medium "Chat" durchaus kein sinnloser Zeitvertreib, sondern es wird gerade hier der souveräne Gebrauch des Mediums als Werkzeug deutlich. Die Aktivität verdient unsere Aufmerksamkeit und wir sind es, die unsere Rolle in diesem Zusammenhang erst begreifen müssen. Jugendliche inszenieren ihre Rollenspiele hier selbst.

Es zeigt sich auch, wie günstig es ist, wenn der Chat in der sozial anregenden Umgebung eines Jugendzentrums abläuft. Der Chat liefert anregende Impulse für das Geschehen im Jugendzentrum; man verliert sich nicht leicht in virtuellen Welten.

Des weiteren ist zu beobachten, daß Jugendliche das Medium gestalten, indem sie einen eigenen knappen Schreibstil entwickeln, sie handeln einfache Regeln aus, um die Gefahren einer absoluten Unverbindlichkeit einzudämmen und intervenieren bei massiven Regelverstößen, wie z.B. wüsten Beschimpfungen, sehr energisch.

Allerdings: Die Attraktivität des Online-Chats, als bisher beliebtester Online-Anwendung im Jugendzentrum schwankt. Sie hängt sehr von der Art der räumlichen, konzeptionellen und organisatorischen Einbindung ab und vom aktuellen Hausgeschehen. Ist der Anfangsboom vorüber, so wird der Chat zu einem interessanten Angebot unter vielen.

    und niederschwellige Medien
Bildungsmäßig benachteiligte Jugendliche haben es schwer, sich in Schriftwelten zurechtzufinden. Die Informationsmassen des Internet liegen überwiegend in schriftlicher Form vor. Das World-Wide-Web mit seinen multimedialen Gestaltungsmöglichkeiten und Suchfunktionen macht zwar diese Informationen leichter auffindbar, präsentiert sie in gut lesbarer Form und integriert Bild und Ton. Es bleibt jedoch die Schriftlastigkeit.

Wem das Lesen nicht zur vertrauten Gewohnheit geworden ist, und wer keine Übung darin hat, den Inhalt größerer Textmengen schnell zu erfassen, dem wird es nicht leicht fallen, für ihn wichtige Informationen ausfindig zu machen. So tut sich ein türkischer Hauptschüler mit mäßigen Deutschkenntnissen und keinen Englischkenntnissen schwer in der schönen neuen Datenwelt. Die Bedienbarkeit des WWW ist leicht erlernbar, die Jugendlichen hangeln sich von einem Link zum nächsten, was der Zerstreuung dient und durchaus Spaß macht. Auch mit der Arbeit mit Suchmaschinen ist man relativ schnell vertraut. Richtig brauchbare Treffer sind jedoch meist nur zu landen, wenn man schnell erfassen kann, welche Quelle nützlich ist und welche nicht.

Es kommt darauf an, schnell auszuwählen. Hier sollten PädagogInnen Unterstützung anbieten, indem sie Suchbewegungen initiieren, Tips und Tricks vermitteln und zur notwendigen Ausdauer und Zielstrebigkeit motivieren. Wichtig ist aber vor allem, den Jugendlichen großzügig Zeit am Internetrechner zur Verfügung gestellt wird, denn Übung macht den Meister.

Die für den Lernprozeß äußerst wichtige, nicht durch intensive pädagögische Betreuung "gestörte", eigene Zeit am Rechner führt jedoch zu einer jugendschützerischen und damit pädagogischen Problemstellung, die der Regelung bedarf. Im folgenden soll auf die Wechselwirkung zwischen dem Medium, den Jugendlichen und den PädagogInnen im Zusammenhang mit der Jugendschutzproblematik eingegangen werden. (In den Einrichtungen des Mailboxprojektes ist das Problem erkannt, aber noch nicht befriedigend geregelt.)

    Auf der Suche nach einer Lösung: Jugendschutz praktisch
Im Internet sind Informationen aller Art zu finden, auch jugendschützerisch Relevantes wie Pornografie und strafbare politische Propaganda etc. Pornografische Inhalte sind, einfache Suchkompetenzen und einschlägige Tips vorausgesetzt, leicht zu finden, auch wenn gelegentlich in den Medien aus Unkenntnis oder in verharmlosender Absicht etwas anderes behauptet wird. Die Jugendlichen, insbesondere die Jungen und jungen Männer, haben in der Regel spezifische Schwierigkeiten mit dem Medium, werden schnell frustriert bei "ernsthaften" Recherchen und weichen auf leichter Verständliches und Interessantes wie z.B. pornografische Bilder aus.

Die PädagogInnen wollen einerseits den Zugang zum Medium möglichst frei gewähren, befürchten aber andererseits, daß Pornorecherchen nicht nur eine vorübergehende Erscheinung bleiben werden, sondern daß in der offenen Struktur eines Jugendtreffs dieser Mißbrauch mit einer gewissen Regelmäßigkeit vorkommen wird. Die öffentliche Diskussion bezüglich der Problematik ist angeheizt und sensibilisiert, es fehlt jedoch an anerkannten Standards jugendschützerischen Verhaltens in diesem Bereich. Und die Situation ist durchaus neu. Anders als bei den vertrauten Medien wie Zeitschriften und Videofilmen ist es ja nun nicht mehr möglich, vorab mit den Jugendlichen über im Jugendzentrum akzeptablen Inhalte zu diskutieren, zu vertretbaren Regelungen zu kommen und diese auch zuverlässig umzusetzen. Mit dem Internetrechner steht der "globale Medienkiosk" im Haus und es ist jederzeit alles zu haben, auch die Sachen, "die nur unter dem Ladentisch verkauft werden".

Es ist also ratsam, eine gewisse Umsicht walten zu lassen, bei der Gestaltung von nicht intensiv und kontinuierlich betreuten Internetzugängen für die BesucherInnen von Jugendzentren. Diese Suche nach angemessener Gestaltung hat im Mailboxprojekt zu teils sehr kontrovers geführten Debatten geführt. Die Fachliteratur gibt derzeit noch wenig her, und wir mußten selbst einen angemessenen Weg finden. Wie sieht eine in pädagogischer und juristischer Hinsicht verantwortbare Lösung aus?

Die Verwendung von Jugendschutzfiltersoftware wie "Cyberpatrol" und eines Zertifizierungssystems wie dem PICS-Standard sind unter PädagogInnen sehr umstritten. Vielen widerstrebt es grundsätzlich, in einem Bewertungsprozeß derart massiv mit Technik zu arbeiten. Die relativ grobschlächtigen und derzeit eindeutig von US-amerikanischen Werthaltungen geprägten Bewertungskategorien der angebotenen Programme machen es auch nicht gerade einfach, den Einsatz ernsthaft in Betracht zu ziehen. Andererseits - und dies ist die Gegenposition - könnte auch die Verwendung eines grobschlächtigen Werkzeugs angemessen sein, wenn es der erhöhten Autonomie der Jugendlichen dient und die Auseinandersetzung mit den Jugendlichen über der Bewertung von Medienprodukten nun eben auf einem neuen Feld geführt werden muß. Es könnte ja ganz sinnvoll sein, mit Jugendlichen auszuhandeln, wie der Regler im Bereich "Sex" oder "Gewalt" eingestellt werden soll.

In die Fachdiskussion wurden professionelle JugendschützerInnen und Fachleute der Polizei miteinbezogen, und diese sehr produktive Auseinandersetzung führte zur Entwicklung zu folgenden, vorläufigen jugendschützerischen Standards:

  • Wir PädagogInnen sind verpflichtet uns, die nötigen Kenntnisse im Umgang mit diesem neuen Medium anzueignen, wenn wir Netzzugänge schaffen wollen. Erst diese Medienkompetenz ermöglicht es uns, das Medium "richtig" in die pädagogische Arbeit zu integrieren.
Bei nicht intensiv betreuten Zugängen ist unerläßlich:
  • Es muß ein geeignetes Jugendschutzfilterprogramm installiert sein.
  • Der Netzrechner muß mechanisch verschlossen sein, um das Herunterladen und Mitnachhausenehmen von Dateien unmöglich zu machen.
  • IRC-Chatkanäle und einschlägige Newsgroups müssen gesperrt sein. (Hier ist es günstig, bereits bei der Wahl des Internetproviders darauf zu achten, daß dieser genügend vorfiltert.)
Es ist zu hoffen, daß in absehbarer Zeit befriedigendere Lösungen gefunden werden. Denn während wir Pädagogen uns streiten, äußern sich einige Jugendliche schon frustriert über "dieses Getue" um ihre Gefährdung und um die Einhaltung von Gesetzen und wenden sich anderen Aktivitäten im Jugendzentrum zu, die mehr Spaß machen.
    ... solange er noch weich ist.
Vielleicht haben sie recht. So schnell wird das Problem nicht gelöst sein, denn wir haben es hier mit einer grundlegenden Problematik der deregulierten Informationsgesellschaft zu tun und die wird nicht im Bereich der offenen Jugendarbeit entschieden. Es geht um eine gesellschaftliche Diskussion um Werte und Normen in einem noch ungeregelten Bereich: Zensur und Meinungsfreiheit im Konflikt mit den Mißbrauchern solcher Freiheit. Schutz der Privatsphäre und des Briefgeheimnisses durch Verwendung von Kryptografie im Konflikt mit Wunsch nach einer potenten Staatsgewalt, die uns beschützt. Der pädagogisch sinnvolle Wunsch, gültige Regeln im Dialog aller Beteiligten auszuhandeln im Konflikt mit der Notwendigkeit, sich vor dem Vorwurf der Fahrlässigkeit im Umgang mit anvertrauten Jugendlichen zu schützen. Es geht um die Bereitstellung geeigneter Werkzeuge und die Aneignung von Kompetenz, solche Werkzeuge fachgerecht zu gebrauchen, ohne die eigenen pädagogischen Überzeugungen zu verraten.

Und nicht zuletzt geht es um die Nutzung der Online-Medien für uns: Wer gestaltet unsere Kommunikationsstrukturen, erteilt und begrenzt Netzzugang und technische Ausstattung, die dazu erforderlich ist. Sind wir kompetent genug, unumkehrbare horizontale Kommunikation zu etablieren, Daten- Trampelpfade, die aus dem Lebensalltag entstehen statt Datenautobahnen, die andere für uns betonieren? Wir sind an diesem Prozeß der gemeinsamen Lebensstilsuche in der Informationsgesellschaft aktiv beteiligt, der unser Leben und das der Jugendlichen verändert - eben weil wir uns entschlossen haben, in unserem Bereich die Ausformung der Computerkultur mitzugestalten, frei nach dem Bild Steinmüllers und der Betonindustrie: "Netze - es kommt darauf an, was wir daraus machen."


Zu den Autoren:

Bernhard Eckmann ist Sozialpädagoge im Selbstverwalteten Stadtteilzentrum Neuperlach des Kreisjugendrings München-Stadt und beauftragt mit der Begleitung des Mailbox-Projektes.

Wolfgang Schindler ist Dozent im Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit Josefstal und bietet dort ein vielfältiges Fortbildungsprogramm zur computermedienpädagogischen Qualifikation für Fachkräfte der Jugendarbeit

  

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