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Wolfgang SchindlerAuf dem Weg in virtuelle Räume - aktivierende Computermedienpädagogik braucht bewegliche BegleiterStichworte zum Referat bei der Fachveranstaltung"Münchener Kinder- und Jugendarbeit im Netz", im Rahmen der "Inter@ktiv '98" Freitag, 30.10.1998 in München
"Nur wer sich bewegt, stößt an seine Grenzen"
Überblick:
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Stichworte zum Referat"Bewegliche Begleiter": statt erneuter Anforderungen an Hauptberufliche skizziert dieses Referat eine Analyse der Lebenswirklichkeit computermedienpädagogisch arbeitender hauptberuflicher MitarbeiterInnen in der Jugendarbeit und leitet daraus Anforderungen an die Gestaltung solcher Arbeit ab.
Multimediale Events sind das Echo auf den Ruf nach MedienkompetenzStark ist der Druck einer ratlosen Erwachsengesellschaft auf ihre bezahlten StellvertreterInnen in der Jugendarbeit nach anschaulichen, schnellen Resultaten beim Erzeugen von Medienkompetenz beim eigenen Nachwuchs. Die logische Konsequenz der Fachszene ist deshalb das Abbrennen von High-Tech-Multimedia-Internet- Feuerwerken mit strahlenden Kids.Events dieser Art verdeutlichen, daß die Informationsgesellschaft Realität wird, daß Jugendliche daran Interesse haben und daß PädagogInnen das wahrgenommen haben. Die eigentlichen Adressaten solcher Aktionen sind also diejenigen, die über Ressourcen für Jugend- und Bildungsarbeit entscheiden. Projekte sind Testläufe für die Veränderung einer OrganisationProjekte sind demgegenüber verbindlicher, Aktivitäten einer Organisation, für die in der "Linie" keine Ressourcen zur Verfügung stehen, mit denen Organisationen zeitlich begrenzt austesten, ob neue Aktivitäten auf Dauer übernommen werden. Am Ende des Projektes "Virtuelle Räume für Münchner Jugendliche" könnte eine veränderte Organisation stehen, ein KJR-München-Stadt, der zusätzlich zu anfaßbaren eben auch virtuelle Räume für Jugendliche offenhält, dort zur Gestaltung einlädt.Virtuelle Räume wirken nur frei gestaltbarVirtuelle Räume wirken unbegrenzt frei gestaltbar, wenn es um vorgesehene Gestaltung geht, etwa um die farbige Oberfläche der virtuellen Stühle und die Eigenschaften der dort lebenden Avatare - virtuelle Räume scheinen nicht mehr als Software und ein paar Daten auf einer Festplatte in einem PC mit Telefonanschluß zu sein, scheinen somit einen günstigen Quadratmeterpreis aufzuweisen.virtuelle Räume sind sehr reale und feste Abbilder ihrer BauherrenEin "virtueller Raum" aber ist im Wesentlichen viel mehr. Da er zunächst nur aus Soft- und Hardware besteht, muß er Abbild der Prozesse und Strukturen seiner Erbauer sein - so, wie EDV immer ein Spiegel der sie tragenden Strukturen ist.(Beispiele: MS-Programme als Zeugen einer tendenziell monotheistischen Religion: Du sollst keine andere Software haben neben mir.) EDV aber ist wie Beton (sagt Wilhelm Steinmüller, der Erfinder des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung): anfangs eine Zeitlang frei gestaltbar, dann aber, nach dem Aushärten, nur noch mit äußerster Kraft zu verändern. Denn EDV-Strukturen bestehen eben nur zum Teil aus Hard- und Software, und selbst diesen Teil ändert man, auch aus Kostengründen, nur höchst ungern. Einrichten virtueller Räume ist OrganisationsentwicklungDas Einrichten virtueller Räume ist also, neben anderem, auch und gerade Organisationsentwicklung, das Schaffen von Infrastruktur.Virtuelle Räume wurzeln im Realen und seinen Bedingungen: das Virtuelle spiegelt stets nur das sog. Reale, oft wie im Brennspiegel vergrößert, weil sich die weichen Kanten sozialer Strukturen durch die Umsetzung in Programmcode schärfer abbilden. Telepolis stöhnt im GoldrauschDas Internet, also der virtuelle Raum schlechthin, war solange und nur solange der Ort, an dem Träume von freier Kommunikation, umfassender Demokratie und Freiheit blühten, bis die ersten Goldfunde bekannt wurden, genauer gesagt, die Gerüchte, man finde dort Gold. In Telepolis, der virtuellen Stadt, werden jetzt die Claims abgesteckt, weil es nach Gold riecht - so wie damals im Wilden Westen oder unlängst bei der Übernahme der DDR.Wenn der Claim abgesteckt ist, gehört einem alles Gold darinZum Pflöckestecken allerdings braucht man kein Fachwissen, sondern Bizeps und Ellbogen. So werden Fakten geschaffen ('Beton' in der Sprache Steinmüllers) - man hat danach noch immer genug Zeit zu überlegen, was man auf seinem neuen Claim eigentlich sucht oder wo man was finden will.Einrichten virtueller Räume braucht auch Personalentwicklung'Gold' aber findet man nur mit fachlichem Gespür, das aus Erfahrung und Reflexion erwächst - Fachwissen braucht beides. Das Einrichten virtueller Räume ist - nach dem Pflöckestecken - also auch Personalentwicklung.eine nachhaltige ComputerkulturObwohl man für das Schürfen Abenteurer anheuern kann, halte ich es für angemessener, einheimisches Personal qualifizieren. Denn sonst mag zwar Gold gefördert werden, aber das Land bleibt danach unbewohnbar zurück. Ohne Bild formuliert: Es macht Sinn, bereits vorhandenen Jugendlichen und PädagogInnen im Jugendzentrum vor Ort gemeinsam Gestaltungschancen zu bieten - so verändert sich Jugendarbeit insgesamt, statt sich punktuell mit modischen Accessoire zu schmücken.Was folgt daraus nun für die Situation am Arbeitsplatz hauptberuflicher MitarbeiterInnen, nicht nur, aber auch im Projekt "Virtuelle Räume" (VR)? im "VR"-Projekt sind Eingeborene und Pioniere schon daJugendliche und PädagogInnen. Viele haben eine längere Computer- und vor allem Netzwerkerfahrung, das Mailboxprojekt. Streng ökologisch, nachhaltig also - wurden dort nur Datenfahrradwege angelegt und propagiert, mit jedem alten 386er und MS-Dos, gar mit Atari zu befahren - Jugendarbeit halt, offene Jugendarbeit zumal. An Autobahnbau zu denken lohnte nicht.das macht den Alltag nicht leichter:Begleitumstand solcher Netzerfahrung ist auch, gut funktionierende Werkzeuge zu benutzen, die aber andernorts kaum noch gebräuchlich sind. Neue KollegInnen und Jugend- Generationen werden auf dem aktuellen Stand der Produktionsmittel einsteigen wollen: Spannungen sind vorprogrammiert, zwischen "altem DOS-Zopf" und Mailboxtechnik und dem verheißungsvollen multimedialen Internet.atemlos auf der Bremse ?"Ich kann doch nicht ständig jeder neuen Entwicklung nachlernen" - sagen manche, die bislang mit großem Engagement die Entwicklung von Telepolis vorantrieben, schon vor dem Goldrausch: das dritte Betriebsystem, das dritte Terminalprogramm, noch ein eMail-Client .... Die Hoffnung, daß die EDV etwas von der Zeit zurückbringt, die in das Lernen ihres Gebrauchs gesteckt werden mußte, ist ent-täuscht. Bei Telearbeitenden gar kommt die Arbeit nach Hause - nein, sie wurde zur Fortbildung sogar dorthin geholt; die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt.Ständiges Lernen kann auch als Druck, nicht nur als Chance erlebt werden. Erlerntes wird in diesem Feld fortlaufend entwertet. Man könnte atemlos, eventl. punktuell sogar zum "Bremser" werden. Wir wissen, daß sich dadurch an der durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit auf der Datenautobahn kaum etwas ändern würde, aber "Bremser" sind dennoch von Imageschäden bedroht. Potentiellen Nachfolgern, die etliche Versionen später eingestiegen sind, wird es genauso gehen, bei der übernächsten Generation - das sollte Schadenfreude dämpfen. tragfähige technische Netze hängen an sozial(pädagogisch)er KompetenzFehlende Ressourcen der eher widerstrebenden Organisationen der Jugendarbeit drängen vielerorts gar, Technik auf dem Niveau der Zeit privat zu beschaffen, um konkurrenz- und handlungsfähig zu bleiben. Denn erst, wenn die Technik "steht", sehen sie den richtigen Raum für ihre Pädagogik - eher früher wie später fordern das auch die Zielgruppen.(Oft resultiert daraus, ungeplant, aber systematisch, eine Abhängigkeit von billigem, aber motiverten und kompetenten Servicepersonal, vom Zivi etwa. Denn für regulären und vor allem den Anforderungen genügenden Service fehlen die Mittel.) Nötig ist die Kompetenz, Netze aufzubauen - technisch und sozial. Die zu erstellende technische soll die gewünschte soziale Infrastruktur abbilden und ermöglichen. Hier reicht es nicht mehr, einen Techniker, eine Behörde zu bestellen, die vorgefertigte Produkte installieren: konzeptionelles Design EDV-gestützter Kommunikationsstrukturen ist erforderlich. Und dazu gehört auch: selber "stöpseln" und installieren können, sachkundig maßgeschneiderte technische Lösungen für die soziale Arbeit, für die Bildungsarbeit konzipieren, bestellen und unterhalten können - das ist ein wichtiger Teil der Fachkomptenz von ComputermedienpädagogInnen. aber eben auch an Infrastruktur.Organisationsentwicklung und Personalentwicklung sind also die wesentlichen architektonischen Komponenten beim Bau und beim Unterhalt virtueller Räume. Beides sind Leitungsaufgaben, und beides ist dann doch kostspieliger als ein eindrucksvolles multimediales Feuerwerk, bei dem die Kinder- und Politikeraugen glänzen.Wenn Münchner Kinder und Jugendliche Begleiter auf dem Weg zu Medienkompetenz brauchen - wovon ich überzeugt bin - dann brauchen sie in diesen virtuellen Räumen bewegliche Begleiter, die dabei auch an Grenzen stoßen, diese Wahrnehmen und zu verändern versuchen. Solche Jugendarbeit ist dann notwendig wieder auch sehr politisch und politisch bildend. Bewegliche Begleiter brauchen dazu selbst Spielräume und Spielzeiten, Werkzeug und Arbeitsmaterial, Zeit zum Atemholen, um kreativ zu werden und zu bleiben, am realen wie virtuellen Arbeitsplatz. Virtuelle Räume haben eben doch einen sehr realen Preis pro Kubikmeter umbautem Raum. Dieser aber kann dann vielleicht weiter reichen als unsere Phantasie uns jetzt verrät.
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