Implantate gegen Entführungen

In Mexiko werden täglich 20 Menschen verschleppt - ein eingepflanzter Sender hilft nun, Vermisste zu finden


Von Peter Burghardt




Es sind schlechte Zeiten für Mexiko, das ist gut für Xega. Das Unternehmen aus der Stadt Querétaro produziert "Sicherheits-Hochtechnologie", nach eigenen Angaben von Weltniveau, und das Geschäft läuft ausgezeichnet. Geräte zur Satellitenüberwachung von Autos und anderen Wertgegenständen stellt die Firma schon lange her - mit Systemen namens E-Tracker und Merchfinder lassen sich Fahrzeuge im Falle einer Entwendung wieder aufspüren. Schon der Hinweis auf solcherart ausgerüsteten Vehikeln soll Diebe abschrecken.


2001 wurde der damalige Xega-Chef entführt, danach widmeten sich die Techniker einer weiter führenden Idee. Nun verkauft die Firma ein Implantat, das die Fahndung nach verschwundenen Menschen erleichtert. Es heißt VIP und bietet laut der Werbung des Konzerns "eine Lösung, die bei unerwarteten Notfällen zur Sicherheit der Familie beiträgt".


Landesweit bekannt wurde die Erfindung als sogenannter Anti-Entführungs-Chip. Genauer gesagt ist es eine winzige Glaskapsel in der Größe eines Reiskorns, die mit einer Spritze unter die Haut injiziert wird, gewöhnlich im Bereich des Oberarms. Das eingesetzte Stück sendet Signale aus, verstärkt von einem Apparat kann der Träger dann über GPS geortet werden. Binnen drei Sekunden, mit einer Zielgenauigkeit von acht Metern. Der mitzuführende Verstärker lässt sich zwar leicht verbergen, aber theoretisch auch entwenden. Ein anderes Problem ist der Preis: VIP kostet bei der Einpflanzung 4000 Dollar und danach 2200 Dollar pro Jahr. Dennoch sollen dem Vernehmen nach bereits mehr als 2000 Mexikaner mit dem Einsatz herumlaufen, und auch Kolumbianer, Venezolaner und Brasilianer interessieren sich dafür.


Die Kidnapping-Industrie boomt. Vor allem in Mexiko, wo die Fälle in diesem Jahr um 75 Prozent zunahmen. 2007 meldete die offizielle Statistik der konservativen Regierung von Präsident Felipe Calderãn 751 Entführungen, doch das unabhängige Institut ICESI rechnet mit mindestens 7000, das sind 20 pro Tag. Die wenigsten Betroffenen wenden sich an die Behörden, aus Angst. Bei den Tätern handelt sich oft um organisierte Gangs mit Komplizen bei der Staatsgewalt. Die Schlacht der Drogenkartelle, die wuchernde Korruption und die unfähige Justiz nähren ein Ungetüm mit vielen Köpfen. Inzwischen werden beim südlichen Nachbarn der USA noch mehr Menschen verschleppt als in Kolumbien und im Irak. "Früher traf es nur bekannte Persönlichkeiten, Industrielle, reiche Farmer", sagt Sergio Galván, Handelsdirektor von Xega, "jetzt werden auch Leute aus der Mittelklasse entführt."


Ein Drama nach dem anderen erschüttert die Republik. Da geriet der 14 Jahre alte Fernando Martí, Sohn eines renommierten Unternehmers, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen in einen Hinterhalt. Sein Chauffeur wurde gequält und ermordet, ein Leibwächter schwer verletzt. Dann erpressten die Entführer Martís Vater, und obwohl er offenbar die geforderte Summe bezahlte, fand man den Sohn später tot in einem Kofferraum.


Besonders Kinder und Jugendliche leben gefährlich. Die verzweifelten Eltern der jungen Silvia Escalera, von der es seit einem Jahr kein Lebenszeichen gibt, breiteten auf dem Boulevard Reforma ein Plakat mit ihrem Foto aus und boten Lösegeld. "Gebt mir meine Tochter zurück", fleht die Mutter. Während einer anderen Tragödie informierte María Isabel Miranda die Polizei, nachdem sie mit Hilfe von Handysignalen herausbekommen hatte, wohin ihr Sohn entführt worden war. Die Beamten unternahmen trotzdem nichts, der Junge wurde tot aufgefunden. Der Chef der Entführer war Polizist.


Im August demonstrierten Hunderttausende in Mexiko-Stadt gegen solche Verhältnisse, darunter Frauen wie María Isabel Miranda, die in ihrer Trauer und Wut zu Aktivistinnen geworden sind. Angesichts der Empörung schuf Staatschef Calderãn eine angeblich unbestechliche Elitetruppe, doch viele Mexikaner helfen sich im Zweifel lieber selbst.


Private Sicherheitsdienste zählen zu den Erfolgsbranchen in Lateinamerika - selbst für die Verhandlungen mit den Kidnappern engagieren besser verdienende Angehörige Experten. Viele Häuser verfügen über Kameras, Monitore und elektrischen Stacheldraht. Der kolumbianische Schneider Miguel Caballero bietet kugelfeste Mode wie schusssichere Jacken und Hemden nicht mehr nur in seiner Zentrale in Bogotá an, sondern auch in seiner Boutique in Mexikos Edelviertel Polanco. Und bei Xega aus Querétaro lassen sich immer neue Kunden diesen Fremdkörper einspritzen, um satellitengesteuert auffindbar zu sein. Selbst der frühere Generalstaatsanwalt Rafael Macedo de la Concha behauptet, er trage einen Chip.


Spezialisierte Kriminelle allerdings wissen Bescheid. So werden mehrere Entführungen in Mexiko-Stadt einer Gruppe zugeschrieben, die ihre Beute stets genau untersucht, um mögliche Sender zu entdecken. Die Bande bekam einen entsprechenden Beinamen: Los Chips.


Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.250, Montag, den 27. Oktober 2008 , Seite 10

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