Home - Jahresbericht 2007 Inhalt Studien-Werkstatt Projekte + Statisitik Bilder+Presse
Theologie Ökumene... Jugendliche... Medienpädagogik Pädagogik+Methoden

http://www.josefstal.de/jahresbericht/2008/403.htm
Computermedienpädagogik
 401  402  403  404  405  406  407  408

 

Daten- und Persönlichkeitsschutz als pädagogische Aufgabe
im Web_2.0

Konzeptionslabor zur Didaktik der Computermedienpädagogik
21. – 24.01.2008

Schutz persönlicher Daten, das war lange kein Thema, schon gar nicht für Jugendliche, angesichts der existierenden computergestützten Kontrollsysteme legaler und illegaler Art. Zu sehr haben wir alle digitale Technologien und weltweite Netzwerke in unseren Lebensalltag eingebaut, als dass wir noch auf sie verzichten wollten: Happy digits, Payback, Google, Amazon, etc. Doch anscheinend hat die Akzeptanz von immer neuen Sicherheitskontrollen Grenzen:

Ich weiß nicht wie's euch geht – aber gefühlsmäßig trifft's Stasi 2.0 haargenau.“ ( 1) Korrespondiert diese gefühlte Wirklichkeit eines jungen Programmierers mit der nüchtern analysierbaren Realität in der BRD und den anderen EU-Staaten? Sind Vorratsdatenspeicherung und eine Vielzahl von staatlichen Maßnahmen nicht ein nötiges Übel gegen eine reale Bedrohung? Geben nicht ohnehin die Nutzer des Internets freiwillig mehr Daten als nötig preis? Wodurch unterscheidet sich eine „Open-ID“ von einer maschinenlesbaren Nummer für jeden Bürger? Welchen Sinn könnte es machen, eMail verschlüsselt zu versenden? Ist das überhaupt praktikabel?

„Wir haben nichts zu verbergen – und das geht niemanden etwas an.“ Ist dieser Satz, der das vermeintlich antiquierte Recht auf informationelle Selbstbestimmung auf den Punkt bringt, auch für Jugendliche verständlich und, vor allem, relevant?
Genaue Analyse, technische und soziale Experimente mit Konzepten und Tools zum Daten- und Persönlichkeitsschutz und pädagogische Anregungen zu einer didaktischen Praxis in der Bildungsarbeit standen angesichts dieser Fragen und Herausforderungen im Zentrum des Konzeptionslabors 2008.

Der Safer Internet Day 2008 bot eine gute Umgebung für die sich anschließende Öffentlichkeitsarbeit, ebenso wie weitere geplante Aktionen der beteiligten Einrichtungen, u.a. der „Initiative Jugend Online“:

In einem breit angelegten Netzwerk sollen bundesweit Datenschützer, Verbraucherschützer, Jugendschützer, Bildungseinrichtungen und medienpädagogisch motivierte Initiativen und Institutionen gewonnen werden, sich in einer gemeinsamen Kampagne zusammenzuschließen, um junge Menschen aufzuklären und dafür zu sensibilisieren einen bewussten und kritischen Umgang mit persönlichen Daten im Internet zu pflegen.
Der provokante Arbeitstitel: „Schäm Dich!“

Neben Aktionsideen und konzeptionellen Einsichten wurde ein gemeinsames Positionspapier erarbeitet und unterzeichnet, die wohl erste öffentliche Stellungsnahme aus medienpädagogischer Sicht zu dieser Thematik:

(publiziert unter http://mac2null.de/ )

 

Privatsphäre und informationelle Selbstbestimmung im „Web_2.0“

Aufgaben und Forderungen aus pädagogischer Sicht

Aktuelle Internet-Anwendungen, kurz „Web_2.0“ genannt, bieten neue, attraktive und interaktive Möglichkeiten, verbunden mit minimalem technischen Aufwand bei der Nutzung:
In boomenden virtuellen „social networks“ wie 'StudiVZ', 'SchülerVZ', 'Lokalisten', 'MySpace' u.v.m. veröffentlichen sich über Profilseiten Menschen jeden Alters – von Kindern bis zu Senioren, schließen sich zahllosen Themengruppen an. So entstehen neuartige Chancen der Präsentation, Kontaktaufnahme und des Spielens mit der eigenen Identität. Die Utopie aus den Kindertagen des Radios, dass aus bloßen 'Empfängern' von Massenmedien künftig Jederman/-frau auch 'Sender' werden solle (Enzensberger, Brecht), ist Gegenwart und Chance geworden.
 

Aus medienpädagogischer Sicht

wird der aktive und kompetente Umgang mit diesen digitalen Medien daher ausdrücklich begrüßt, werden eigene Web_2.0-Plattformen gestaltet, die kritische Auseinandersetzung zum Thema gefördert und ein experimenteller Umgang mit neuen Technologien unterstützt und evaluiert. Ziel dabei ist die Nutzung des Potentials von Web_2.0, die Sensibilisierung zum Umgang mit persönlichen Daten in sozialen Netzwerken sowie die Partizipation von Menschen aller Altersgruppen und Bildungsmilieus.
 

Wir fordern für die Bildungsarbeit:

  • Medienpädagogische Projekte und Aktionsformen für die außerschulische und schulische Bildungsarbeit für unterschiedliche Zielgruppen zu konzipieren und umzusetzen.
  • Qualifizierung und Förderung des fachlichen Austausches über Fortbildungen und Fachveranstaltungen für Interessierte aus der Bildungsarbeit.
  • Erfahrungstransfer über didaktische Materialien für Eltern und PädagogInnen
  • Beiträge zur Thematik in Internetportalen im Bildungsbereich
     

Zur Aufgabe von PädagogInnen

gehören der Erwerb vom Wissen und Handlungskompetenz im Gebrauch digitaler Medien, aktive Beteiligung und Gestaltung solcher Lern-, Spiel- und Kommunikationsräume - auch wenn dies in Spannung zur eigenen Mediensozialisation stehen mag. Nur dann werden kritische Anfragen an ebenfalls beobachtbare Mängel und Wildwuchs angesichts des rasanten Wandels glaubwürdig. Jugendschutz bleibt nötig, kann aber nur wirksam sein, wenn er sachkundig geleistet wird.
 

Nachholbedarf der Betreiber

bei der Gestaltung des Schutzes der Privatsphäre ihrer Mitglieder sehen wir bei einigen Plattformen für virtuelle soziale Netzwerke. Dies erstaunt, da seit den Anfangstagen der EDV zumindest Fachleuten bekannt ist, dass an die Stelle einstiger – schutzgebender – technischer Grenzen soziale und legislative Grenzen treten müssen. Als neues Grundrecht wurde daher vor über 20 Jahren das „Recht auf informationelle Selbstbestimmung“ definiert. Denn die grundgesetzlich geschützte Privatsphäre ist bedroht oder geht verloren, wenn Informationen, die für einen Lebenssektor (etwa im Freundeskreis) gegeben wurden, ohne Zustimmung in einem anderen Lebenssektor (dem Erwerbsleben beispielsweise) publiziert werden.

Wir fordern daher von Plattform-Betreibern, nutzerfreundliche 'Räume' zu schaffen, die die Daten- und Persönlichkeits-Rechte der NutzerInnen achten, wahren und schützen:

  • „Social networks“ (Personen-Netzwerke / Verzeichnisse) müssen so gestaltet sein, dass sie von jederman/-frau ohne Fachwissen genutzt werden können. Verborgene Risiken müssen sichtbar markiert werden; „Beipackzettel“ und AGBs reichen dafür nicht aus. Benutzerfreundliche Warnungen im Kontext sind nötig.
  • Datensicherheit und Persönlichkeitsschutz müssen als Produktvorteil von Web-Communities zertifiziert ausgewiesen werden können.
  • Produkthaftung für Hersteller und Anbieter von „Web_2.0“ -Dienstleistungen ist nötig, statt den UserInnen nicht-praktikable Vorsichtsmassnahmen zuzumuten.
     

Aus gesellschaftspolitischer Perspektive

ist zu begrüßen, dass Bürger durch die Nutzung der „Social networks“ sich zwanglos mit deren Bedingungen auseinandersetzen müssen. So entsteht u.a. ein zunehmendes Verständnis für die konkrete Bedeutung des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung, gegenüber den Wünschen der Wirtschaft wie den gesetzlichen Vorgaben des Staates.

Sicherheit in der Informationsgesellschaft ist im Rahmen rechtsstaatlicher Normen zu gewährleisten. Notwendigkeit und Berechtigung immer neuer Eingriffe werden damit in der Informationsgesellschaft notwendigerweise auch zu Themen von Bildungsarbeit mit digitalen Medien.

erarbeitet und verabschiedet im Rahmen der ExpertInnentagung
Daten- und Persönlichkeitsschutz als pädagogische Aufgabe im Web_2.0“,
Januar 2008 in Josefstal

AutorInnen:

  • Bernhard Eckmann, München
  • Christoph Kaindel, Netbridge – Koordinierungstelle für IuK in der Jugendarbeit, Wien
  • Daniel Poli, Jugendportal 'netzcheckers.de', Bonn
  • Daniel Seitz,Telezentrum, Herzogsägmühle
  • Franz Kratzer, Netbridge – Koordinierungstelle für IuK in der Jugendarbeit, Wien
  • Gabi Uhlenbrock,oJA, Fürth
  • Irene Schumacher, Wissenschaftl. Institut des Jugendhilfswerks, Freiburg
  • Jürgen Ertelt, Projekt Jugend online, IJAB e.V., Bonn
  • Kirsten Mascher, Medienkulturzentrum Dresden e.V., Dresden
  • Wolfgang Schindler, Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit, Josefstal

  •  

CC-License: by-nc-saDie Nutzung dieses Textes ist nur unter Beachtung der CreativeCommons-Lizenzbestimmungen gestattet.        
 


Bericht: W. Schindler